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Hoffen auf den Alltag 29.06.2020 21:52:00

Nach Corona-Pause: So wollen Lufthansa & Co. jetzt Kunden anlocken

Nach Corona-Pause: So wollen Lufthansa & Co. jetzt Kunden anlocken

• Mit einer umfassenden Rückfluggarantie und…
• …Kostenübernahmen buhlt die Lufthansa um Kunden
• Tourismusbranche bemüht sich um deutsche Gäste

Im deutschen Leitindex DAX hat die Corona-Pandemie und die dazugehörigen globalen Massnahmen, welche im Rahmen des Infektionsschutzes durchgeführt wurden, wohl keinen Konzern so stark erschüttert und an den Rand der Zahlungsunfähigkeit getrieben, wie die Lufthansa.

Lufthansa steigt aus der ersten deutschen Börsenliga ab

Die Auswirkungen der Pandemie sind aktuell so gravierend, dass die grösste deutsche Airline nun sogar die erste Börsenliga verlassen musste. So rutschte das ehemalige DAX-Gründungsmitglied nun - nach rund 32 Jahren im deutschen Leitindex - in den MDAX ab.

Hauptgrund für den Abstieg in die zweite Börsenliga ist vor allem die Marktkapitalisierung der Gesellschaft, welche aufgrund der Krise massiv zusammengeschrumpft ist. Während es die Lufthansa mit einem Kurs von rund 30 Euro und knapp 500 Millionen Aktien Anfang 2018 noch auf eine Marktkapitalisierung von ca. 14,3 Milliarden Euro gebracht hat, liegt der Börsenwert aktuell nur noch bei knapp fünf Milliarden Euro und somit fast zehn Milliarden Euro niedriger als die Marktkapitalisierung der Immobiliengesellschaft Deutsche Wohnen, die nun den Platz der Lufthansa im DAX eingenommen hat.

22'000 Mitarbeiter verlieren ihre Jobs

Dementsprechend hat die grösste deutsche Airline schon jetzt angekündigt, dass sie als direkte Reaktion auf die Corona-Pandemie an ihren weltweiten Standorten insgesamt 22'000 Stellen streichen muss. Allein in Deutschland sollen dabei rund 11'000 Mitarbeiter ihre Jobs verlieren. Laut firmeninternen Angaben herrscht bei der Kranich-Airline allein im operativen Bereich ein Überhang von 5'000 Vollzeitstellen, die sich auf 600 Piloten, 1'500 Bodenmitarbeiter und 2'600 Flugbegleiter verteilen.

Neustart nach der Corona-Zwangspause

Trotz des DAX-Abstiegs, der Beinahe-Insolvenz und den erheblichen Stellenstreichungen versucht die immer noch grösste deutsche Airline derzeit wieder zurück in die Spur zu kommen. Während inmitten der Lockdown-Monate März, April und Mai von den 744 Passagierflugzeugen, die sich im Besitz der Airline befinden, nur rund 10 Prozent regelmässig abheben konnten, werden die Flugzeuge nun wieder aus dem Corona-Schlaf geweckt und der Flugplan wird in abgespeckter Version erneut aufgenommen. Dabei setzt das Unternehmen jetzt vornehmlich auf etwas kleinere Flugzeuge, wie den Airbus A319 und A320, welche nun die ersten Touristen an die europäischen Urlaubsziele bringen sollen. Trotz einer bisher noch sehr verhaltenen Nachfrage unter den Fluggästen möchte die Lufthansa so bis Ende Juni wieder regelmässig ca. 160 Flieger in die Luft bringen.

Denn laut der Bundesregierung gilt das Reisen innerhalb des Schengen-Raums nun wieder als weitestgehend sicher. Viele Bundesbürger sind zum gegenwärtigen Zeitpunkt - trotz der teilweise aufgehobenen Reisewarnung der Regierung - noch sehr verunsichert, was die persönliche Urlaubsplanung betrifft. So haben viele potenzielle Fluggäste Angst, von einer zweiten Corona-Welle eingeholt zu werden, was sie natürlich daran hindert, einen Flug bzw. eine Reise zu buchen.

Massnahmen gegen die Angst vor der zweiten Corona-Welle

Um die nachvollziehbare Angst der möglichen Flugreisenden abzumildern, bietet die Lufthansa ihren Kunden nun eine umfassende Rückfluggarantie an. So erhalten - unabhängig von der gebuchten Klasse - jetzt alle Gäste, egal ob Lufthansa, Swiss oder Austrian Airlines, das Versprechen, im Fall einer zweiten Pandemie-Welle, aus Europa zurück nach Deutschland, Österreich oder in die Schweiz gebracht zu werden. Damit dieser Service vollumfänglich zur Verfügung gestellt werden kann, sollen laut dem Konzern im Notfall auch Sonderflüge stattfinden.

Neben einer Rückfluggarantie bietet die Lufthansa ihren Kunden in Zusammenarbeit mit dem französischen Versicherungskonzern AXA in den Business Saver- und Economy Classic-Tarifen künftig noch weitere Garantien. So ermöglicht eine zusätzliche Versicherungsleistung, dass Reisende, die an ihrem Zielort, aufgrund einer erhöhten Körpertemperatur, nicht einreisen dürfen und in Quarantäne müssen, die Kosten für den Aufenthalt bzw. den Rücktransport erstattet bekommen. Des Weiteren besteht für die Kunden die Möglichkeit im Notfall eine medizinische Beratung mit einem deutschsprachigen Arzt per Videotelefonie in Anspruch zu nehmen. Die neuen Versicherungsleistungen tragen somit die Mehrkosten für eine Quarantäne, Transortkosten und erstatten die Ausfallkosten für ein nicht genutztes Hotel.

"Mit diesem neuen und bisher einzigartigen Angebot wollen wir dazu beitragen, dass unsere Gäste ihren Sommerurlaub in Europa so unbeschwert wie möglich verbringen können", Christina Foerster, die Chefin der Customer & Corporate Responsibility Abteilung der Lufthansa, in Bezug auf die zusätzlichen Leistungen des Konzerns.

Rückfluggarantie gilt bis Ende 2021

Die zusätzlichen Leistungen der Lufthansa, die Flugreisenden Mut zum Urlaub machen sollen, werden ab dem 25. Juni und bis Ende August über die direkten Vertriebskanäle verfügbar sein und gelten für alle Reisenden mit einem Rückflugdatum bis Ende 2021. Kunden, die schon vor dem 25. Juni einen Kranich-Flug gebucht haben, kommen jedoch noch nicht in den Genuss der zusätzlichen Leistungen.

Die Tourismusbranche bemüht sich um die deutschen Gäste

Gegenwärtig bemüht sich jedoch nicht nur die Lufthansa um ihre Kunden, sondern fast alle grossen Airlines und Reiseanbieter. Der TUI Deutschland-Chef Marek Andryszak spricht in diesem Zusammenhang sogar schon von einer Saison mit besonders hohem Erholungsfaktor. "Wir sind vorbereitet, unseren Gästen unter Einhaltung der relevanten Hygiene- und Sicherheitsmassnahmen einen abwechslungsreichen Urlaub in bewährter TUI-Qualität ohne grössere Einschränkungen zu bieten. […] Insgesamt wird es 2020 ein ruhigerer Urlaub, ohne Poolpartys oder Fussballturniere, dafür aber mit günstigeren Preisen, hohem Erholungsfaktor und grosszügig separierten Sonnenliegen", so Andryszak im TUI Reiseblog.

Um neues Vertrauen zu gewinnen haben sich nun auch die türkische Regierung und der TÜV-Süd auf eine Zusammenarbeit geeinigt. So sollen regelmässige Tests der deutschen Hygiene-Kontrolleure dafür sorgen, dass sich die Touristen wieder zurück in die Hotels und Restaurant trauen. Besonders viel Mühe um die zahlungskräftigen Touristen aus Deutschland gibt sich auch die italienische Kommune Limone sul Garda am Gardasee in Italien. So versicherte der Bürgermeisterder Gemeinde, Antonio Martinelli, dass sein Ort immun sei und seine Kommune die "geliebten deutschen Freunde" schon "sehnsuchtsvoll" erwartet.

In diesem Zusammenhang rührt nun auch der italienische Aussenminister die Werbetrommel und sagte bei seinem Besuch in Berlin: "Die Unterstützung Deutschlands für unser Land hat in der gesamten Zeit der Pandemie eigentlich nie gefehlt. […] Gerade, wenn es einem schlecht geht, sieht man ja, ob jemand ein Freund ist oder nicht". Die heftigen Streitigkeiten der vergangenen Wochen und Monate rund um das Thema Corona-Bonds schienen schon wieder vergessen.

In der Hoffnung, dass die deutschen Touristen bald auch wieder ausserhalb der EU Urlaub machen, hat Thailand seinen Werbeslogan von "Amazing Thailand" kurzerhand in "Amazing Trusted Thailand" umbenannt.

Autotourismus wird zur neuen Norm

Ob das Vertrauen der potenziellen Kunden nur mit einem neuen Slogan, einem TÜV-Testat, einer warmherzigen Willkommensrede des Bürgermeisters oder einem umfassenden Versicherungsschutz plus Rückfluggarantie zurückgewonnen werden kann, sei dahingestellt. Allerdings vermutet der Hamburger Zukunftsforscher Horst Opaschowski, dass die Reiselust gerade bei Menschen aus den Grossstädten ungebrochen ist. Da Flugreisen und Kreuzfahrten jedoch sehr unpopulär geworden sind, glaubt der Experte an "eine Explosion des Autotourismus". "Auto und Urlaub werden nach der Krise die grossen Gewinner sein", so Opaschowski jüngst gegenüber der Deutschen Presse-Agentur.

Pierre Bonnet / finanzen.ch

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