VanEck-Europa-Chef: "Es wird immer Risiken geben"

finanzen.ch: VanEck sind Pioniere im ETF Bereich, der erste Goldminen-ETF wurde 2006 aufgelegt. Warum legt Ihr Unternehmen den Fokus auf den ETF-Markt?

Rozemuller: Im Jahr 2006 sind wir sozusagen aus dem Nichts ins ETF-Geschäft eingestiegen. Zu Beginn waren es vor allem zwei wesentliche Wachstumstreiber, die unser Geschäft geprägt haben. Zum einen waren es Lösungen, die Sektoren abgedeckt haben, in denen es vorher im Grunde keine ETFs gab, wie Rohstoffe oder Anlagen in den Emerging Markets. Nach dieser ersten Generation unserer ETFs, bei der es sozusagen darum ging, Lücken im ETF-Angebot zu besetzen, sind wir dazu übergegangen, bestimmte Mainstream-Themen wie US-Aktien, internationale Aktien oder High Yield Anleihen abzubilden. Aber eben nicht einfach als eine Art Beta-Maschine, wie das viele unserer Wettbewerber tun. Jeder unserer ETFs weist seine eigene Spezialität auf mit dem Ziel, einen Mehrwert für den Anleger zu erzielen. Inzwischen machen ETFs gut drei Viertel unseres global verwalteten Vermögens von rund 48 Milliarden US Dollar aus.

Schlegel: Mit unseren ersten Kunden in Europa arbeiten wir bereits seit Jahrzehnten zusammen, lange bevor wir im Jahr 2006 mit unserem ETF-Geschäft in Europa gestartet sind. In Europa haben wir uns 2015 dazu entschieden den ersten passiven ETF auf Goldminenaktien als UCITS aufzulegen, aus den USA bekannt als GDX, da wir erfolgreich mit unserer aktiven Gold-Strategie waren. Der Fondsmanager, Joe Foster, hat für seine Leistungen eine ganze Reihe von Auszeichnungen erhalten und ist als meinungsstarker Experte ein nach wie vor gern gesehener Gesprächspartner zu den Themen Gold- und Goldminen-Investments. So starteten wir zunächst mit zwei passiven Goldminen-ETFs und verwalten bis heute auch die aktive Strategie.

Warren Buffett gilt als Starinvestor. Nur die allerwenigsten Anleger dürften aber über seine komfortable Finanzlage verfügen. Wie können Sie seine Strategie trotzdem für sich nutzen?

Rozemuller: Auf diese Frage gibt es zwei gute Antworten. Die erste ist, dass Warren Buffett dafür bekannt ist, sich offen für niedrigpreisige Indexprodukte auszusprechen. Er hat oft darauf hingewiesen, dass er für den Fall seines Ablebens, wenn er nicht mehr da ist, seiner Frau und seinen Kindern rät, einen Teil ihres Erbes in einen kosteneffizienten Indexfonds zu investieren.
Der zweite Teil der Antwort ist folgender: Warren Buffett hat den Begriff "Economic Moat" geprägt. Übersetzt bedeutet er "wirtschaftlicher Burggraben" und steht für die Fähigkeit eines Unternehmens, seine Wettbewerbsvorteile aufrechtzuerhalten und seine langfristige Rentabilität zu verteidigen. Er meint damit, dass Investoren vor allem in Unternehmen investieren sollen, die auf Grund verschiedener Faktoren einen schützenden Vorsprung gegenüber der Konkurrenz haben. Diese Investmentphilosophie ist mit unserer Moat-Strategie auch für Anleger verfügbar. Unser ETF investiert in Unternehmen, die nachhaltige Wettbewerbsvorteile aufweisen und gleichzeitig attraktiv bewertet sind. Hinter dem Indexkonzept steht das Researchhaus Morningstar, welches mit über hundert Analysten die Unternehmen des Morningstar US Market Index anhand ihrer spezifischen Vorteile gegenüber ihren Mitbewerbern nach deren "Burggrabenbreite" versucht zu kategorisieren. Die Unternehmen mit einem "Wide Moat"-Rating werden anschliessend in einer klassischen "Discount-Cash-Flow"-Bewertung fundamental bewertet. Die Methodik beinhaltet nachvollziehbare Index-Regeln. Das Zusammenspiel von langfristigen Wettbewerbsvorteilen und einer attraktiven Unternehmensbewertung macht die Methodik sehr erfolgreich. Der Index ist seit 2007 live und hat seit Auflage die globale Benchmark für US-Aktienexposure S&P 500 meistens um Längen geschlagen.

Warren Buffett hat ein Luxusproblem: Angesichts hoher Bewertungen am Aktienmarkt gibt es derzeit kaum lohnenswerte Investments. Was bedeutet das für Anleger?

Rozemuller: Ich glaube, dass Warren Buffett einen gewaltigen Geldbetrag zur Verfügung hat, um in den Markt einzusteigen, wenn die Zeit reif ist. Für Berkshire Hathaway-Anleger bedeutet das, dass es eine Menge gibt, um Investitionen jeglicher Art zu tätigen. Es bedeutet aber auch, dass Warren Buffett das Recht hat, etwas nicht zu kaufen, wenn es ihm zu teuer erscheint. Mit dieser Sicht auf unsere Burggraben-Methodik zu schauen ist sehr interessant, da es nicht üblich ist, dass eine Index-Methodik solch eine Bewertung innehat. Wenn ein Unternehmen also einen langfristigen Wettbewerbsvorteil hat, die aktuelle Bewertung an der Börse jedoch zu hoch ist, wird der Indexanbieter nach deren Regeln diese Indexkomponente mit einem niedriger bewerteten Unternehmen austauschen. Langfristig gesehen kann das für Anleger durchaus vorteilhaft sein.

Schlegel: Das Gute an unserer Strategie ist, dass sie regelbasiert ist. Mit einem regelbasierten Konzept werden Emotionen und subjektive Entscheidungen weitestgehend aussen vor gelassen. Wann immer Investments und Emotionen vermischt werden, endet es für Anleger gewöhnlich nicht gut. Als rationaler Investor ist Warren Buffett dafür bekannt, es sehr regelbasiert und vernünftig zu halten. Eine andere bekannte Aussage von ihm besagt, dass Anleger mit dem Kauf geduldig sein sollen, wenn Marktteilnehmer gierig werden. Aber sobald jeder in Panik ausbricht, sollte man anfangen zu kaufen.

Wie findet man Burggraben-Aktien und was ist das Besondere an ihnen?

Schlegel: "Moat" steht für attraktiv bewertete Unternehmen mit nachhaltigen, lang andauernden Wettbewerbsvorteilen. Nach Morningstar ist ein "wide moat", also ein "breiter Burggraben", dann gegeben, wenn es einem Unternehmen gelingt, einen Wettbewerbsvorteil über 20 Jahre aufrechtzuerhalten. Dabei hat Morningstar fünf Quellen von "moat" identifiziert: Einer davon ist der Netzwerkeffekt, welcher dafür sorgt, dass ein Produkt oder eine Dienstleistung für den Kunden attraktiver wird, je mehr Menschen es nutzen. Ein einfaches Beispiel wäre wohl das Telefon. Ein Telefon alleine bringt dem Benutzer keinen Nutzen wohingegen die Möglichkeit, sich mit hunderttausenden Menschen in Verbindung zu setzen wohl einen deutlich höheren Nutzen haben wird. Weitere Quellen sind: Kostenvorteile, Skaleneffekte, hohe Wechselkosten und immaterielle Vermögenswerte. Die immateriellen Vermögenswerte beziehen sich insbesondere auf Patente oder Markenbildung wie beispielsweise bei McDonald’s oder Starbucks. Die über einhundert Aktienanalysten von Morningstar bilden hierfür ein Komittee, um potentielle "moat"-Unternehmen zu identifizieren. Der Ausschuss entscheidet dann gemeinsam, ob ein Burggraben vorhanden und ob die Aktie attraktiv bewertet ist.

Welcher ETF verspricht aus ihrer Sicht angesichts der aktuellen Wirtschaftslage die besten Chancen?

Rozemuller: Es hängt von der Position des Anlegers ab. Insbesondere Privatinvestoren sind meistens in die klassischen Anlageklassen investiert. Ich habe dafür Verständnis, allerdings ist es wichtig andere Anlagen hinzuzufügen, beispielsweise Rohstoffe. Gold und Rohstoffe sind gut zur Diversifikation geeignet und günstig bewertete Aktien mit langfristigen Wettbewerbsvorteilen hinzuzufügen dürfte in den meisten Fällen vorteilhaft sein. Allerdings glaube ich nicht, dass es eine Patentlösung gibt, da stets wirtschaftliche Bedingungen und Sicherheiten berücksichtigt werden müssen. Die beste Antwort wäre, dass Diversifikation immer das Risiko in einem Portfolio streut. Das ist der Ratschlag, den ich Anlegern geben möchte.

Welche Risiken müssen Anleger einkalkulieren?

Rozemuller: Es gibt kein Investieren ohne Risiko. Und zum Glück gibt es Risiken, die man, wie bereits zuvor erwähnt, minimieren kann. In der Vergangenheit war es statistisch gesehen sehr unwahrscheinlich, Verluste zu erleiden, wenn Anleger mindestens zehn bis 15 Jahre am Markt geblieben sind. Wer also erfolgreich investieren möchte, sollte einen langen Anlagehorizont haben und eine Zeit lang auf das investierte Geld verzichten können. Für Anleger, die einen kurzfristigen Zeithorizont von beispielsweise zwei Jahren haben, ist der Aktienmarkt weniger geeignet. Um das Risiko zu verringern, sollten Anleger ausserdem stets breit diversifizieren und ebenso auch auf die Gebühren achten. Alles fängt mit der Aufklärung der Anleger an, denn das Wissen über Geldanlagen spielt eine entscheidende Rolle.

Was sind Smart-Beta ETFs?

Rozemuller: Während bei traditionellen Börsenbarometern wie dem DAX die Indexmitglieder allein nach Marktkapitalisierung gewichtet werden, gelten bei Smart-Beta Indizes andere Gewichtungsparameter. Sie basieren zumeist auf speziellen Faktoren, die zum Beispiel besonders dividendenstarke Aktien übergewichten und mit dieser alternativen Gewichtung den breiten Markt schlagen sollen. Vor zehn oder 15 Jahren hat die Diskussion um Smart-Beta begonnen, als passives Investieren in Europa beliebter wurde. Zu diesem Zeitpunkt wurde viel diskutiert, ob man eher aktiv oder passiv investieren sollte und welche Unterschiede sich dadurch ergeben. Smart-Beta ist für mich ein Weg deutlich zu machen, dass man weniger anfällig für die Psychologie des Marktes ist, wenn man einen regelbasierten Vorgang hat, welcher weniger von den subjektiven Entscheidungen einer Person abhängt. Bei aktiv gemanagten Portfolios erfolgt eine freie Positionierung, da es nicht an Regeln gebunden ist. Smart-Beta-ETFs sind regelbasierte Instrumente und haben daher gegenüber komplett aktivem Management den Vorteil, subjektive Fehlentscheidungen auszuschliessen.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

Das Interview wurde von der Redaktion gekürzt.

Zu den Personen:
Philipp Schlegel, Managing Director Schweiz & Co-Head of Sales EMEA bei VanEck, ist seit Oktober 2010 für das Unternehmen tätig. In der VanEck Niederlassung Schweiz ist Philipp Schlegel verantwortlich für das Wachstum des institutionellen Geschäfts von VanEck in Europa, und die Unterstützung der Geschäfts- und Produktentwicklung des Unternehmens für aktive und passive Strategien.

Martijn Rozemuller, ist seit 2018 für VanEck tätig. In seiner Verantwortung als Europa-Chef legt er den Fokus auf Vertrieb, Marketing, Compliance, Recht und Human Ressources.

Redaktion finanzen.ch

Weitere Links:


Bildquelle: VanEck

ETF-Finder

Fondsname:
Fondsgesellschaft:
Fondsart:
Jahresperformance:
Währung:
Gesamtkostenquote:
Benchmark:
Volumen:
Mindestalter:
Sortieren nach:
Suchen

Finanzen.net News

pagehit