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09.12.2021 15:35:13

Schroders: So sehen wir Nachhaltigkeit: der CEO und die ESG-Fondsmanagerin

Schroders: So sehen wir Nachhaltigkeit: der CEO und die ESG-Fondsmanagerin

Peter Harrison
Group Chief Executive

Katherine Davidson
Portfoliomanagerin, internationale Aktien

Katherine Davidson (KD): Warum glauben Sie, dass Nachhaltigkeit ein langfristiger Trend ist?

Peter Harrison (PH): "Anders geht es heute einfach nicht mehr. Wenn Unternehmen die Nachhaltigkeit nicht auf dem Schirm haben, haben sie keine Chance. Richtig darauf gebracht haben mich meine Kinder, die mir mit den Emissionen meines Autos einfach keine Ruhe liessen."

KD: Wie einfach war es, die Geschäftsleitung und den Vorstand von der Relevanz der Nachhaltigkeit zu überzeugen?

PH: "Einer der vielen Vorteile eines Familienunternehmens besteht darin, dass die Geschäftsleitung wirklich will, dass das Unternehmen die nächsten 200 Jahre zum Wohle künftiger Generationen bestehen bleibt. Sie ist also voll und ganz auf unseren Fokus auf langfristige Nachhaltigkeit ausgerichtet."

PH: Wie gross ist der Kompromiss zwischen nachhaltigem Investieren und Rendite?

KD: "Es wurde gerade eine grosse Studie der Harvard Business School - MIT Sloan [School of Management] veröffentlicht, die zeigt, dass es keinen Beweis für einen negativen Zusammenhang zwischen Wertentwicklung und Nachhaltigkeit gibt. Die meisten Studien stellen höchstens eine neutrale Beziehung fest. Im Allgemeinen scheint die Nachhaltigkeit aber ein Positivfaktor zu sein, insbesondere in Bezug auf die operative Leistung von Unternehmen."

PH: Würden Sie beispielsweise Tabakunternehmen meiden, selbst wenn sie aus Anlegerperspektive interessant sind?

KD: "Ich bin der Meinung, dass es für einen aktiven Manager keinen Sinn macht, Unternehmen auf Grund der Branche auszuschliessen, in der sie tätig sind. Ausschlusslisten sind beim nachhaltigen Anlegen ein undifferenzierter Ansatz der alten Schule.

Die Realität ist jedoch, dass es viele Kunden gibt, insbesondere im Wohltätigkeitssektor, die darauf Wert legen, dass man niemals Unternehmen aus den Bereichen Tabak oder fossile Brennstoffe hält.

Solche Unternehmen haben jedoch im Allgemeinen rückläufige Cashflows und hohe Kapitalkosten. Ich kann mir also nicht vorstellen, dass ich als Fundamentalinvestor jemals an diesen Unternehmen interessiert wäre, selbst wenn ich in sie investieren dürfte."

PH: Was sind einige der Vorteile unserer intern entwickelten Tools zur Wirkungsmessung?

KD: "Nachhaltigkeit ist selten ein Schwarz-Weiss-Thema. Beispielsweise könnte eine Ratingagentur ein Unternehmen, das Elektrofahrzeuge herstellt, aufgrund seiner positiven Umweltauswirkungen gut bewerten, aber diese Bewertung könnte den Einsatz von Zwangsarbeit durch das Unternehmen verschleiern (negative soziale Auswirkungen). Ratingagenturen neigen dazu, alles, einschliesslich subjektiver Messgrössen, in einer einzigen Punktzahl wiederzugeben.

Mit unseren internen Tools können wir uns mit ihrer Gestaltung und der zugrunde liegenden Theorie auseinandersetzen. Wir haben kürzlich unser Tool zur Messung von Auswirkungen, SustainEx, einer ausführlichen Überprüfung unterzogen. Es waren etwa hundert Investoren beteiligt und wir haben alle akademischen Studien, die dem Tool zugrunde liegen, überprüft, unsere Annahmen einem Stresstest unterzogen und die Ergebnisse analysiert. Es ist sehr wirkungsvoll, dass wie Anleger bei der Funktionsweise des Tools zu Rate ziehen können."

KD: Sollten diese Tools öffentlich zugänglich gemacht werden?

PH: "Dafür gibt es tatsächlich Argumente. Harvard hat dies beispielsweise mit einigen seiner wirkungsbereinigten Gewinndaten getan. Es könnte Vorteile haben, einige unserer Wirkungsdaten leichter zugänglich zu machen. Je mehr Daten verfügbar sind, desto einfacher ist es, Unternehmen in Nachhaltigkeitsfragen zur Rechenschaft zu ziehen."

KD: "Mehr Daten sind jedoch kein Allheilmittel. Während Umweltaspekte leicht messbar sind, erfordert die Bewertung der sozialen Auswirkungen eher einen qualitativen Ansatz. Ich verlasse mich auf die Beziehungen, die ich zu Unternehmen und ihren Stakeholdern aufgebaut habe, um mich von ihren sozialen Auswirkungen zu überzeugen, und nicht nur auf Daten."

KD: Wie wäre es mit der Messung der Auswirkungen von Vermögenswerten wie Naturkapital?

PH: "Dies wird nicht richtig gemessen, aber Natural Capital Research, eine Organisation, die sich auf die datengesteuerte und wissenschaftsbasierte Messung von Naturkapitalanlagen weltweit spezialisiert hat und an der wir beteiligt sind, macht hier Fortschritte.

In den nächsten fünf bis zehn Jahren werden wir alle viel Zeit damit verbringen, uns mit Naturkapital auseinandersetzen. Früher oder später werden wir im Supermarkt die Wahl zwischen der kohlenstofffreien und der Kohlenstoffversion eines Produkts haben.

Letztendlich wird CO2 besteuert und das wird sich auf die Wettbewerbsvorteile verschiedener Produkte auswirken. Ich glaube, dass dies enorme Anlagechancen bieten wird."

KD: Was sind einige der Kohlenstoffziele von Schroders?

PH: "Unser Ziel ist es, wissenschaftlich fundierte Ziele für unser Geschäft festzulegen, um die globale Erwärmung auf 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Wir werden in Kürze mehr dazu sagen und haben unsere Daten und Ziele zur Validierung bei der Science-Based Targets Initiative eingereicht. Die Hürden sind hoch. Aber das, was gemessen wird, wird gesteuert. Daher werden wir im Idealfall die CO2-Emissionen in unsere Geschäftsbücher aufnehmen."

KD: Wie wichtig ist die Veröffentlichung von Diversity- und Inklusionsmassnahmen wie Ethnizität oder das Lohngefälle zwischen Männern und Frauen?

PH: "Wir haben wirklich hart daran gearbeitet, eine Erklärung zur ethnischen Zugehörigkeit zu erhalten, damit wir Daten zur ethnischen Zugehörigkeit veröffentlichen können. Denn auch hier gilt: Das, was gemessen wird, wird gesteuert. Obwohl es ein stumpfes Werkzeug ist, ist es unglaublich wichtig, dass sich Unternehmen auf das Problem konzentrieren und wir Verbesserungen sehen."

KD: "Es ist für uns als Anleger und Anlageinhaber sehr nützlich. Wenn ich mir die gemeldeten Daten eines Unternehmens ansehe, achte ich nicht unbedingt darauf, ob sie über oder unter dem durchschnittlichen Lohngefälle liegen. Ich achte mehr auf die Entwicklung des Unternehmens. In der Lage zu sein, diese schwierigen Themen anzusprechen, ist sehr hilfreich."

KD: Wie geht die Branche mit "Nachhaltigkeitsskepsis" um?

PH: "Ich denke, das wird sich mit der Berichterstattung verbessern. Zum Beispiel haben Frau Harrison und ich uns kürzlich zusammengesetzt, um uns unsere Anlagen anzuschauen, und ich stellte alle finanzbezogenen Fragen zu Aktien und Portfoliozusammensetzung. Erst als wir zur Nachhaltigkeitsberichterstattung kamen, wo uns gesagt wurde, wie viele Autos von der Strasse genommen und wie viele Bäume gepflanzt wurden, wurde ihr Interesse richtig geweckt, weil es plötzlich für sie relevant wurde.

Die Branche war wirklich schlecht darin, über Nachhaltigkeit in Begriffen zu sprechen, die die Leute verstehen. Aber das wird sich ändern, wenn wir uns mehr an der Massenpersonalisierung orientieren."

KD: "Nachhaltigkeit ist zwar ein neues Phänomen, aber wir sind als Anleger immer auf der Suche nach Unternehmen, die langfristig überdurchschnittliches Wachstum und überdurchschnittliche Renditen erzielen können. Im Kern geht es bei Nachhaltigkeit um genau das: Die Fähigkeit, die Wertentwicklung langfristig aufrechtzuerhalten. Und die Unternehmen, die nicht auf Ziele wie Netto-Null ausgerichtet sind oder zum Klimawandel beitragen, werden einfach nicht über diese nachhaltigen Cashflows verfügen. Wahrscheinlich erleben wir in den nächsten zehn Jahren eine vollständige Auflösung der Differenzierung zwischen nachhaltigem Investieren und Investieren: Alle Anlagen werden nachhaltige Anlagen sein."

Müssen Sie bei der Bewertung von ESG-Risiken in Schwellenmärkten im Vergleich zu Industrieländern flexibler sein?

KD: "Es gibt Zeiten, in denen der lokale Kontext relevant ist, aber meistens halten wir unsere Unternehmen an die gleichen Standards, weil es dafür finanzielle und moralische Gründe gibt. Es hat sich beispielsweise gezeigt, dass Frauen in Vorständen positiv mit der Wertentwicklung korrelieren, ganz davon abgesehen, dass das auch eine ethische Notwendigkeit ist. Wenn ich mir ein Unternehmen in Japan ansehe, wo Frauen in Vorständen aus kulturellen Gründen immer noch viel seltener sind, heisst das nicht, dass ich es dem Unternehmen automatisch nachsehe. Ich würde diese Unternehmen lieber nicht besitzen, auch wenn dies eine grosse geografische Disparität in meinem Portfolio bedeutet.

Wenn man die Offenlegungsbarriere überwinden kann, ist das tatsächliche Unternehmensverhalten in Schwellenländern oft sehr gut. Viele sind es gewohnt, in einem Umfeld zu arbeiten, in dem das Stakeholder-Management für ihr Unternehmen wirklich entscheidend ist, nicht zuletzt, weil es nicht unbedingt eine hervorragende Infrastruktur oder Rechtsstaatlichkeit gibt. Unternehmen werden Teil der Lösung und sind so tief in ihre lokalen Gemeinschaften eingebettet - sie schaffen Arbeitsplätze, bauen die Infrastruktur aus. Ich kann mir viele Positionen in Schwellenmärkten vorstellen, die weitaus bessere ESG-Standards haben als einige der Blue-Chip-Unternehmen im FTSE."

Dies ist die schriftliche Version unseres Fireside Chat: Nachhaltiges Investieren: Vom Vorstand zur Fabrikhalle, eine Sitzung auf einer Veranstaltung von Schroders.

Hier erfahren Sie mehr: https://www.schroders.com/de/ch/asset-management/insights/

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