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360° Finanzen 16.02.2026 09:53:06

Zwischen Skepsis und Potenzial: Energiewende als Investitionschance

Kolumne

Die Skepsis institutioneller Investoren täuscht: Die Energiewende kommt schneller voran als gedacht. Genau das eröffnet langfristig orientierten Anlegern neue Chancen.

Die Stimmung institutioneller Investoren gegenüber der Energiewende hat sich deutlich getrübt. Der Anteil der Investoren, die an eine unvermeidliche Transformation hin zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft glauben, ist seit 2022 von 87 Prozent auf 61 Prozent im Jahr 2025 gesunken. Diese Kehrtwende wirft eine zentrale Frage auf: Spiegelt diese getrübte Stimmung die tatsächlichen Marktentwicklungen wider, oder entsteht eine wachsende Kluft zwischen Wahrnehmung und Fakten?

Diese zehn Indikatoren zeichnen ein differenziertes Bild

Eine differenzierte Analyse von zehn Schlüsselindikatoren der Energiewende zeigt eine komplexere Realität, als es die Skepsis der institutionellen Investoren vermuten liesse. Das Verhältnis der Investitionen in saubere gegenüber fossilen Energien stagniert bei bescheidenen 2:1. Um die Energiewende effektiv voranzutreiben, wäre ein Verhältnis von 6:1 bis 10:1 erforderlich. Doch es gibt auch ermutigende Signale.

Die Entwicklung der Elektromobilität verdient besondere Aufmerksamkeit. Die öffentliche Ladeinfrastruktur wuchs im Jahr 2024 um 33 Prozent, bei Schnellladestationen sogar um 42 Prozent. In Schwellenländern etabliert sich zudem der Batterietausch als innovative Alternative. Statt die Batterie mitsamt Auto zu kaufen, wird sie nur gemietet und and Ladestationen gegen eine aufgeladene Batterie ausgetauscht. Dies senkt die Einstiegskosten erheblich und beschleunigt dadurch die Elektrifizierung der Mobilität.

Mit nahezu 900 Milliarden US-Dollar an Investitionen, was rund einem Drittel der weltweiten Energieausgaben entspricht, prägt China die Dynamik des Energiemarktes erheblich. Chinas aggressive Industriepolitik hat Überkapazitäten geschaffen, welche die Preise für Solarmodule (-67 Prozent seit 2022), Lithium-Ionen-Batterien (-31 Prozent) und Windturbinen (-21 Prozent) stark sinken liessen. Während die Preisrückgänge westliche Produzenten unter Druck setzen, erleichtern sie zugleich Schwellenländern den Zugang zu sauberen Technologien.

KI als paradoxer Katalysator der Energiewende

Künstliche Intelligenz ist ein zweischneidiges Schwert: Sie könnte die Energiewende paradoxerweise zugleich bremsen und beschleunigen. Die prognostizierten Investitionen von 3.7 bis 7.9 Billionen US-Dollar bis 2030 erfordern zusätzliche 78 bis 205 Gigawatt an Stromkapazität. Kurzfristig könnte dies zu einem erhöhten Einsatz fossiler Kraftwerke führen. Langfristig fördern Technologiekonzerne mittels Stromabnahmeverträgen jedoch kohlenstoffarme Technologien wie «Enhanced Geothermal Systems» und kleine modulare Reaktoren.

Trotz dieser Fortschritte bestehen weiterhin strukturelle Hindernisse. Mit einer Risikoprämie von 5.2 Prozent gegenüber zehnjährigen Staatsanleihen bremsen die hohen Kapitalkosten in Schwellenländern Investitionen in die Energiewende. Afrika erhält lediglich 2 Prozent der Investitionen in saubere Energien, obwohl der Kontinent 20 Prozent der Weltbevölkerung beheimatet. Hinzu kommt, dass Kohlenstoffemissionen weltweit immer noch zu günstig sind. Der weltweit gewichtete Durchschnittspreis von 23 US-Dollar pro Tonne Kohlenstoff-Äquivalent deckt inzwischen 28 Prozent der globalen Emissionen ab, liegt jedoch deutlich unter dem notwendigen Niveau, um wirksame Verhaltensänderungen auszulösen.

Besonders besorgniserregend ist die Entwicklung der Kohleenergie. Die geplante Neukapazität von 690 Gigawatt übersteigt die bis 2040 vorgesehenen Stilllegungen von 300 Gigawatt um mehr als das Doppelte. China und Indien allein zeichneten sich 2024 für 92 Prozent der neuen Kapazitäten verantwortlich.

Chancen für langfristig orientierte Investoren

Die wachsende Skepsis der Investoren führt zu niedrigen Bewertungen im Bereich der Energiewende - sowohl in öffentlichen als auch privaten Märkten. Dadurch entstehen attraktive Einstiegsmöglichkeiten für langfristig orientierte Investoren. Die Fundamentaldaten deuten darauf hin, dass die Transformation trotz politischer Gegenwinde und regionaler Unterschiede voranschreitet, auch wenn das Tempo weiterhin unzureichend ist.

Es steht ausser Frage, dass die Klimarisiken real sind. Netzwerke wie «Network for Greening the Financial System» schätzen, dass physische Klimarisiken das weltweite BIP bis 2050 um 8 bis 15 Prozent reduzieren könnten - deutlich mehr als die 4 bis 7 Prozent in einem klimaneutralen Szenario. Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob die Energiewende stattfinden wird, sondern wie schnell sie erfolgt und wer von ihr profitieren wird.

Von Sarah Wilson

Sarah Wilson leitet das Climate Excellence Center im Bereich Responsible Investing bei Nuveen, dem Vermögensverwalter von TIAA. Sie steuert die Klimastrategie des Unternehmens und sorgt dafür, dass die Investmentprozesse mit den wachsenden Erwartungen des Marktes in Einklang stehen. Sarah Wilson besitzt einen MBA sowie einen Master in Umweltmanagement von der Yale University und ist Mitglied des Beratungsgremiums der Yale Initiative for Sustainable Finance.

In 360° Finanzen liefern Experten und Expertinnen jeden Monat klare Strategien für eine zukunftssichere Geldanlage. Sie analysieren die Märkte, ordnen ESG-Entwicklungen ein und geben praxisnahe Tipps zur optimalen Portfolioallokation und zum Vorsorgesparen.

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