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Experten-Kolumne 29.10.2026 15:03:12

Britischer Haushalt: Eine vorläufige Atempause

Britischer Haushalt: Eine vorläufige Atempause

Der britische Haushalt verschafft der Regierung kurzfristig Spielraum. Doch mit Blick auf die Kreditaufnahme, den anhaltenden Ausgabendruck und die Glaubwürdigkeit ihrer Pläne zum Defizitabbau bleiben wesentliche Fragen offen.

Der Haushalt soll die Bevölkerung angesichts steigender Preise entlasten, dürfte jedoch vor allem der Regierung selbst kurzfristig Luft verschaffen. An den Finanzmärkten fiel die Reaktion auf das vergleichsweise überschaubare Massnahmenpaket verhalten aus, da dieses weitgehend den Erwartungen entsprach. Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die zahlreichen Herausforderungen und fiskalpolitischen Entscheidungen, die bis zur nächsten Haushaltsüberprüfung im kommenden Jahr vertagt wurden.

Im Vorfeld des Haushaltsplans stand insbesondere der fiskalische Spielraum der Regierung im Mittelpunkt. Dieser beläuft sich letztlich auf 15 Milliarden Pfund und fällt damit geringer aus als zuvor. Seine Bedeutung für die Finanzmärkte wird aus unserer Sicht jedoch tendenziell überschätzt. Entscheidend sind vielmehr die kurzfristige Entwicklung des Haushaltsdefizits und das Volumen der geplanten Staatsanleiheemissionen.

Die fiskalpolitischen Planungen der Regierung bis 2029/30, dem Jahr der nächsten Überprüfung der Haushaltsregeln, dürften für die Finanzmärkte von nachrangiger Bedeutung sein. Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund, dass in diesem Zeitraum möglicherweise Parlamentswahlen anstehen. Zudem wird die Frage, ob der fiskalische Spielraum einige Milliarden Pfund höher oder niedriger ausfällt, von der erheblich grösseren Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung und die Lage der öffentlichen Finanzen in den kommenden Jahren überlagert.

Das Office for Budget Responsibility (OBR) erwartet, dass das Haushaltsdefizit von 4,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im laufenden Jahr auf 3,4 Prozent im kommenden Jahr und innerhalb von drei Jahren auf rund 2 Prozent sinken wird.

Auf dem Papier zählt der britische Konsolidierungsplan weiterhin zu den ehrgeizigsten unter den Industrieländern. Mit dem aktuellen Haushalt wurden die Konsolidierungsziele jedoch erneut in die Zukunft verschoben. Die geplante Kreditaufnahme wurde für den gesamten Prognosezeitraum nach oben korrigiert, während die Fortschritte beim Defizitabbau im laufenden Haushaltsjahr nahezu zum Erliegen gekommen sind. Wie bereits im Vorjahr setzt der Finanzminister zunächst auf höhere Ausgaben, die durch zusätzliche Steuereinnahmen in späteren Jahren kompensiert werden sollen. Der Umfang dieser künftigen Steuererhöhungen fällt allerdings geringer aus als in früheren Haushaltsplänen vorgesehen.

Den langfristigen Defizitzielen über das kommende Jahr hinaus messen wir nur begrenzte Glaubwürdigkeit bei. Sollte es der Regierung jedoch gelingen, das Haushaltsdefizit im nächsten Jahr wie geplant auf rund 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu senken, wäre dies ein bedeutender Fortschritt und könnte dazu beitragen, das Vertrauen in die Haushaltsplanung wiederherzustellen. Gleichwohl bleiben erhebliche Unsicherheiten bestehen.

Die Unsicherheit über die künftige Haushaltsentwicklung dürfte bis ins nächste Jahr anhalten. Die Erfahrungen der vergangenen Jahre sprechen zudem dafür, dass weitere Abweichungen von den bisherigen Planungen möglich sind. Vor der für das kommende Jahr vorgesehenen Haushaltsüberprüfung nimmt der Ausgabendruck weiter zu, unter anderem im Verteidigungsbereich. Hinzu kommt, dass sowohl die Aussetzung der Erhöhung der Kraftstoffsteuer als auch die reduzierte Mehrwertsteuer auf Energie für private Haushalte nach aktuellem Stand im Juli auslaufen sollen. Da kaum damit gerechnet wird, dass diese Massnahmen tatsächlich beendet werden, dürfte der aktuelle Haushalt noch nicht das letzte Wort in der britischen Finanzpolitik sein.

Auch wenn der konkrete Finanzierungsbedarf für das kommende Jahr noch unklar ist, bleibt die Richtung der Defizitentwicklung entscheidend. Sollte das Haushaltsdefizit auf etwas mehr als drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken, dürften die Anleihemärkte im Zeitverlauf weniger sensibel auf fiskalpolitische und politische Nachrichten reagieren. Ein solches Niveau läge nicht weit von dem Bereich entfernt, der zur Stabilisierung der Schuldenquote erforderlich ist. Ein Blick auf andere europäische Länder verdeutlicht den Zusammenhang: In Frankreich, wo das Defizit mehr als fünf Prozent des BIP beträgt, verfolgen die Märkte die fiskal- und innenpolitische Entwicklung weiterhin mit grosser Aufmerksamkeit. In Spanien hingegen, dessen Defizit bei zwei bis drei Prozent liegt, werden die bevorstehenden Wahlen mit deutlich geringerer Besorgnis betrachtet.

Britische Staatsanleihen weisen weiterhin eine geringe fiskalische Risikoprämie auf. Zugleich ist die Zinskurve steiler als in den meisten anderen Industrieländern. Ein weiterer Rückgang des Haushaltsdefizits dürfte erforderlich sein, um die verbleibende Risikoprämie abzubauen. Die vergleichsweise hohen Renditen britischer Staatsanleihen sind jedoch vor allem auf das geldpolitische Umfeld und weniger auf fiskalische Risiken zurückzuführen. Der Leitzins der Bank of England liegt bei 3,75 Prozent, während die Märkte vier bis fünf weitere Zinserhöhungen einpreisen. Der Haushalt hat diese Erwartungen kaum verändert. Zwar kündigte die Regierung einige begrenzte Massnahmen zur Inflationsdämpfung an, angesichts der anhaltenden Unsicherheit über die Inflationsentwicklung und die Energiepreise dürften diese jedoch nur wenig ins Gewicht fallen.

Nach der Verabschiedung des Haushalts richtet sich der Fokus wieder auf die Inflation, das Wirtschaftswachstum und den geldpolitischen Kurs der Bank of England. Das Wachstum hat positiv überrascht, der Arbeitsmarkt zeigt Anzeichen einer Stabilisierung und die Kerninflation zieht ersten Indikatoren zufolge wieder an. Eine Überhitzung der Wirtschaft ist jedoch kaum erkennbar. Daher halten wir es für unwahrscheinlich, dass die von den Märkten eingepreiste geldpolitische Straffung in vollem Umfang umgesetzt wird. Vor diesem Hintergrund bleiben britische Staatsanleihen aus unserer Sicht eine attraktive Beimischung in einem global diversifizierten Rentenportfolio.

Von Peder Beck-Friis, Economist, PIMCO

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schliesst jegliche Regressansprüche aus.

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