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Schulden-Problematik 06.12.2021 20:27:00

Lira-Kurssturz: Löst die Türkei jetzt an den Weltfinanzmärkten eine Krise aus?

Lira-Kurssturz: Löst die Türkei jetzt an den Weltfinanzmärkten eine Krise aus?

Angesichts der derzeitigen Rekordverschuldung sowie historisch hoher Immobilienpreise und Aktienkurse könnte die Lira-Krise eine neue weltweite Finanz- und Wirtschaftskrise auslösen. Dieser Ansicht ist jedenfalls Prof. Dr. Christian Kreiss, Professor an der Hochschule Aalen für Finanzierung und Volkswirtschaftslehre.

• Erdogan lässt Lira einbrechen
• Hohe Fremdwährungsschulden der Türkei
• Weltfinanzmärkte Crash-gefährdet

Die weltweit wichtigsten Notenbanken setzen seit Jahren auf eine lockere Geldpolitik. Dies hat nach Meinung von Prof. Dr. Christian Kreiss dazu geführt, dass die Bewertung von Vermögensgegenständen weit stärker gestiegen ist als die tatsächliche Wirtschaftsleistung und sie sich mittlerweile sehr weit von der realen Wirtschaftskraft entfernt hat.

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Asset-Blase

In einem Beitrag bei "Telepolis" weist Kreiss darauf hin, dass die weltweiten Schulden inzwischen ein Rekordniveau erreicht haben und damit - sowohl absolut wie auch im Verhältnis zur Wirtschaftskraft - deutlich höher sind als bei Ausbruch der Finanz- und Schuldenkrise 2008. Auch die Immobilienpreise seien inzwischen viel höher als 2007, als sie eine weltweite Immobilienkrise auslösten. Hinzu komme, dass Aktien, insbesondere US-Aktien, derzeit so teuer wie fast noch nie in der Geschichte sind.

Angesichts dieser Entwicklung - zu der neben der lockeren Geldpolitik auch die Pandemie-bedingten Lockdowns beigetragen hätten - ist der Experte überzeugt, dass sich an den internationalen Anleihe-, Schulden-, Immobilien- und Aktienmärkten eine erhebliche Asset-Bubble gebildet hat. Und die Türkei könnte der Auslöser dafür sein, dass diese platzt, meint Prof. Dr. Kreiss.

Türkische Lira bricht ein

Die Währung der Türkei befindet sich schon länger auf Talfahrt, wofür insbesondere die Einmischungen von Recep Tayyip Erdogan in die Geldpolitik der Notenbank verantwortlich ist. Entgegen üblicher volkswirtschaftlicher Praxis vertritt der Staatspräsident die Ansicht, hohe Zinsen - "die Mutter allen Übels" - förderten die Inflation. Die in der Volkswirtschaft gängige Lehre, wonach sich höhere Zinsen nachfrage- und damit auch preisdämpfend auswirken, weil sich dadurch Kredite verteuern und Sparen mehr lohnt, ignoriert Erdogan. Während die Inflationsrate inzwischen bei rund 20 Prozent liegt, versprach er deshalb gerade in einem TV-Interview bis zu den für 2023 geplanten Präsidentschaftswahlen niedrigere Zinsen. Auf diese Weise will Erdogan die Wirtschaft stimulieren und hofft gleichzeitig, dass die Inflation bald vorübergeht.

Doch die türkische Wirtschaft leidet darunter - und das nicht nur weil ein solches Umfeld ausländische Investoren abschreckt. Prof. Dr. Kreiss weist etwa darauf hin, dass türkische Schuldner angesichts der Lira-Abwertung Probleme haben dürften, ihre Schulden zu begleichen. Nach dem Interview von Erdogan stieg der US-Dollar bis knapp unter 14 Lira - für die Lira bedeutet dies ein Rekordtief. Mitte September stand der Kurs noch bei ungefähr 8,50 Lira und vor fünf Jahren, im November 2016, sogar noch bei etwa 3,5 Dollar.

Ein türkischer Schuldner, der vor fünf Jahren einen Dollar-Kredit aufgenommen hat, muss heute also in Lira umgerechnet ein vielfaches dessen zurückzahlen. Dies könnte viele von ihnen in Liquiditätsschwierigkeiten stürzen. Laut Prof. Dr. Kreiss ist diese Gefahr nicht unerheblich, denn die Schulden der Türkei in ausländischer Währung summierten sich zur Jahresmitte 2021 (laut Daten des Institute of International Finance) auf 576 Milliarden US-Dollar und damit 80 Prozent des BIP.

Weltfinanzmärkte bedroht

Prof. Dr. Christian Kreiss befürchtet nun, dass die Lira-Krise eine Kettenreaktion auslösen könnte, die in einer Finanz- und Wirtschaftskrise 2.0 enden könnte. Denn die Fremdwährungsschulden hätten mit über 570 Milliarden Dollar eine ähnliche Grössenordnung wie die Lehman-Schulden erreicht, die sich 2008 auf 613 Milliarden Dollar beliefen und die damals ausgereicht hätten, um eine Weltfinanzkrise auszulösen.

Die Zahlungsprobleme türkischer Schuldner bergen daher durchaus die Gefahr, die Weltanleihemärkte zu erschüttern, warnt der Experte. Denn sollten türkische Gläubiger ihre Schulden nicht mehr begleichen können, dürfte das einen Kurssturz bei türkischen Anleihen nach sich ziehen. Dies könnte Anleger dann derart verunsichern, dass sie sich womöglich auch aus anderen Schwellenländern sowie aus riskanten High-yield-Bonds in Industrieländern zurückziehen.

Da die internationalen Anleihemärkte mit einem Marktvolumen von 123,5 Billionen Dollar zum Ende 2020 grösser als die weltweiten Aktienmärkte mit 105,8 Billionen Dollar waren, könnte ein solcher Vertrauensverlust - insbesondere wenn er zur Panik wird - mit Leichtigkeit auch die Aktienmärkte mit nach unten reissen, erklärt Kreiss. Und weil auch Immobilien erheblich Schuldenfinanziert seien, drohe auch diesem Markt eine starke Korrektur wenn die Gläubiger das Vertrauen verlieren, dass sie ihr Geld zurückerhalten werden.

Prof. Dr. Kreiss kommt letztlich zu dem Schluss, dass das Crash-Potenzial an den Aktienbörsen, sowie den Anleihe- und Immobilienmärkten aktuell deutlich höher als im Jahr 2008 ist. Dabei könnte die Türkei Auslöser eines Absturzes sein, bei dem es sogar wesentlich tiefer gehen könnte als während der Finanzkrise 2007 bis 2009.

Redaktion finanzen.ch

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