24.03.2020 18:44:50

Experten: Niedriger CO2-Preis setzt Erneuerbare unter Druck

BERLIN (Dow Jones)--Energieexperten erwarten wegen des krisenbedingt niedrigen CO2-Preises im europäischen Emissionshandel (ETS) zunehmende Härten für Ökostromerzeuger. "Für die Erneuerbaren ist das ein schwierigeres Wettbewerbsumfeld", erklärte der zuständige Projektleiter bei der Denkfabrik Agora Energiewende, Thorsten Lenck, im Gespräch mit Dow Jones Newswires. "Sie werden momentan ausgebremst."

Der aktuelle ETS-Preisverfall, der wegen der Produktionsausfälle "definitiv" auf die Corona-Krise zurückzuführen sei, ist nach Beobachtung des Agora-Experten aber nicht der einzige. Auch die Preise für die Energieträger Kohle, Gas und Öl seien stark gefallen. "Insbesondere Erdgas ist sehr billig geworden, so dass moderne Gaskraftwerke jetzt günstiger sind als alte Kohlekraftwerke", so Lenck.

"Erstaunlich ist, dass die CO2-Preise nicht gleich zu Beginn der Corona-Krise gefallen sind, während das für die Preise von Kohle, Gas und Öl sehr wohl galt." Lenck vermutet, dass einige Marktteilnehmer die niedrigeren Energieträgerpreise genutzt hätten, Energie einzukaufen und sich langfristiger abzusichern.

Der Energieexperte Hanns Koenig vom Beratungsunternehmen Aurora Energy Research geht davon aus, dass auch ETS-Händler den Preisverfall nutzen. In der vergangenen Woche dürften Industrieunternehmen und Stromversorger Teile ihrer kostenlosen Allokationen oder zuvor gekauften Hedging-Mengen verkauft haben, in Erwartung niedrigerer Nachfrage, aber auch, um ihre Cash-Position zu verbessern. "In der Wirtschaftskrise 2008/09 gab es ähnliches Verhalten", schreibt Koenig Dow Jones Newswires. "Der Preisverfall zeigt, wie sehr der ETS nach wie vor vom kurzfristigen Handel der Industrie und des Stromsektors getrieben ist, und nicht von langfristigen Überlegungen hinsichtlich der Vermeidungskosten, die benötigt werden, um die europäischen Klimaziele zu erreichen."

Der CO2-Preis im ETS lag am Dienstag an der European Energy Exchange (EEX) bei 16,42 Euro, am Montag sogar unter der 16-Euro-Marke. Das war ein Preiseinbruch um fast 8 Euro binnen zwei Wochen. Anfang des Jahres betrug der Preis noch rund 25 Euro pro Tonne, im vergangenen Sommer stand er nahe der 30-Euro-Marke. Das aktuelle Preisniveau hatte der CO2-Preis zuletzt im Frühjahr 2018.

Kontakt zur Autorin: petra.sorge@wsj.com

DJG/pso/mgo

(END) Dow Jones Newswires

March 24, 2020 13:45 ET (17:45 GMT)

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