Biotech-Aktien sind ihr Geld doch wert | 19.04.12 | finanzen.ch
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ANLEGER-MAGAZIN STOCKS 19.04.2012 07:15:00

Biotech-Aktien sind ihr Geld doch wert

Die Finger im Heimmarkt verbrannt? Es geht auch anders: Der US-Biotechsektor wächst.

Jürgen Büttner

Warum Schweizer Investoren lieber die Finger von Biotech-Aktien lassen, zeigt der Blick auf den SXI Bio+Medtech Index. Gegenüber dem im Juli 2007 markierten Rekordhoch weist dieses Kursbarometer ein erschreckendes Minus von 54 Prozent auf. Denkt man an die Vorschusslorbeeren, mit denen speziell die Schweizer Biotech-Aktien gestartet sind, ist das ernüchternd. Zumal hinzukommt, dass die Schweizer Branchenvertreter dank eines starken Finanzsektors und grosser einheimischer Pharmafirmen ein vorteilhaftes Umfeld vorfanden.

Letztlich hat das gemessen an der Schweizer Einwohnerzahl aber nur zur höchsten Dichte an Biotechnologie-Unternehmen geführt. Die durchschlagenden Forschungserfolge der zahlreichen Start-ups sind weitgehend ausgeblieben. Vermutlich waren viele der an die Börse gekommenen Unternehmen einfach noch nicht reif dafür. Wobei gerade bei noch im Forschungsstadium befindlichen Gesellschaften nie vergessen werden darf, dass ein Produkterfolg nicht garantiert ist und bis zum Durchbruch viel Geld verbrannt wird. Auf dieses Problem weist auch Daniel Koller, Head Management Team bei der BB Biotech, hin: «Schweizer Biotech-Unternehmen wie Bioxel, Arpida oder Addex besitzen oft nur ein Produkt mit grossem Umsatzpotenzial und sind entsprechend stark den klinischen und regulatorischen Risiken der Produktentwicklung ausgesetzt.» Ausser einigen wenigen Gesellschaften wie Actelion hat jedenfalls kaum ein Schweizer Biotech-Wert Medikamente effektiv auf den Markt gebracht. Und selbst bei einer Erfolgsgeschichte wie bei Actelion muss immer wieder mal gezittert werden. So stoppte das Unternehmen eben erst beim Medikament Setipiprant die weitere Entwicklung wegen verfehlter Wirkungsnachweise bei Heuschnupfen und Asthma.

Wie das Beispiel der US-Branchenvertreter zeigt, lässt sich aber auch mit Biotech-Aktien Geld verdienen. Der Nasdaq Biotechnology Index hangelt sich seit Mitte 2002 kontinuierlich nach oben. Beim aktuellen Stand von 1292 Punkten haben die Notierungen allein seit vergangenem August um 47 Prozent zugelegt. Charttechnisch gesehen hat sich dadurch ein überzeugender Aufwärtstrend herausgebildet und ein Angriff auf das im März 2000 aufgestellte Rekordhoch von 1596,53 Punkten scheint in greifbarer Nähe zu sein.

Solche Avancen sind möglich, weil gleich mehrere Faktoren die Branche in einem günstigen Licht erscheinen lassen. So verliert von den Medikamenten der Pharmaindustrie bis 2015 ein Drittel den Patentschutz. Angesichts leerer Produktpipelines suchen Firmen ihr Heil in verstärkten Übernahmeaktivitäten im Biotech-Gefilde. Aktuellster Beweis dafür ist das mit einem deutlichen Kursaufschlag ausgestattete Angebot von Roche für den DNA-Sequenzierer Illumina. Dessen Verwaltungsrat findet, dass ein Preis, der höher als das 34-Fache des geschätzten Gewinns für 2012 ist, noch immer zu tief ist. Neben Übernahmefantasie wird der Biotech-Sektor auch durch vorteilhafte Wachstumsaussichten begünstigt. Wie die Experten der Adamant Biomedical Investments in Zürich vorrechnen, liegt das weltweite Biotech-Wachstum bei 15 Prozent pro Jahr, während Pharma nur noch Zuwachsraten von jährlich zwei bis fünf Prozent generiert.

Zu einem Pluspunkt ist darüber hinaus die Bewertungsseite geworden. Das Branchen-KGV bewegt sich in Amerika mit rund 14 historisch am unteren Ende der bisherigen Bandbreite. Und auch im relativen Vergleich mit der Bewertung des US-Gesamtmarktes sind die Bewertungen laut Yardeni Research relativ günstig. Zum anderen haben es die Biotech-Unternehmen aus Amerika seit 1995 jedes Jahr geschafft, ihren Gewinn zu steigern. Auch in diesem und im nächsten Jahr sollen die Ergebnisse um elf und 14 Prozent zulegen. Als Folge daraus erwirtschaften die US-Branchenvertreter jährlich Milliarden-Gewinne, während in Europa noch immer Verluste geschrieben werden. Deutlich wird der Wettbewerbsvorsprung der Amerikaner auch an den Zulassungszahlen des Vorjahres. Von der US-Aufsichtsbehörde wurden 35 Biotech-Wirkstoffe zugelassen, womit der US-Anteil an den weltweiten Erstzulassungen rund 70 Prozent erreichte.

Kein Wunder, dass angesichts dieser Kraftverhältnisse die grössten Branchenvertreter aus Amerika kommen. Trotz der Marktführerschaft wird dem Branchenprimus Amgen nur ein KGV von 11,2 zugebilligt. Dabei traut Goldman Sachs dem Titel von 2012 bis 2015 kontinuierliche Gewinnsteigerungen von 6,10 Dollar je Aktie auf 8,16 Dollar zu. Stimmen diese Prognosen, würde das KGV bald einstellig werden.

An der Vormachtstellung der USA in diesem Sektor wird sich bis auf Weiteres auch nichts ändern. Das bestätigt auch Koller: «Grundsätzlich ist in den USA allein durch die Vielzahl der Biotech-Gesellschaften die kritische Masse an Kapital, Interesse und auch an Managementerfahrung vorhanden: In diesem Sinn ist durchaus ein Vorsprung gegenüber der Biotechbranche in Europa festzustellen.» Das günstige Umfeld in Übersee trägt dazu bei, dass bei der auf Biotechnologie spezialisierten Schweizer Beteiligungsgesellschaft BB Biotech rund drei Viertel des Portfolios in US-Biotech-Unternehmen investiert sind. Im Vorjahr erzielte dieses Vehikel zwar einen Verlust von 65,1 Millionen Franken, doch das hat den Kurs seit August nicht von einer kräftigen Erholung abgehalten. Seit der Gründung 1993 ist es gelungen, den Nettoinventarwert (NAV) um 372 Prozent zu erhöhen. Zum Stichwort NAV ist zu ergänzen, dass dieser mit zuletzt 92,50 Franken fast 19 Prozent über dem aktuellen Kurs liegt.

Vorteilhaft aus Anlegersicht ist zudem, dass dieses Konstrukt in knapp 30 Titeln investiert ist. Dadurch gelingt mit einem Schlag eine breitere Streuung als beim Kauf einer Einzelaktie. Das gilt auch für Produkte wie den Dexia Equities Biotechnology Fund, der in den vergangenen drei Jahren um 160 Prozent zugelegt hat und damit zu den besten Vertretern seines Faches zählt. Der Streuungseffekt lässt sich ansonsten auch mit Hilfe eines Zertifikats wie etwa dem von der Royal Bank of Scotland auf den Nasdaq Biotech Open End Index emittierten Produkt erzielen.

Wer trotz Klumpenrisiko sein Glück mit Einzelaktien versuchen will, sollte sich Celgene anschauen. Dieses US-Biotech-Unternehmen ist auf die Behandlung von Krebserkrankungen und Krankheiten des Immunsystems fokussiert und hat sich jüngst durch das Engagement des Krebsexperten Avila Therapeutics verstärkt. Neben einer starken Marktstellung, einer interessanten Produktpipeline und einer soliden finanziellen Position kann dieser Titel dadurch überzeugen, dass man schon mehr als ein Medikament zur Marktreife gebracht hat. Und wenn, wie von Goldman Sachs vorhergesagt, die Gewinne von 2012 bis 2015 von 4,92 Dollar je Aktie auf 7,97 Dollar steigen, dann spricht nichts gegen eine Fortsetzung des intakten langfristigen Aufwärtstrends.

Wem die bisherigen Vorschläge zu Amerika -lastig waren, kann trotz der oft enttäuschenden Entwicklung auch in Europa die Fühler ausstrecken. Laut Koller gibt es auch auf dem alten Kontinent sehr erfolgreiche Biotech-Unternehmen. «Beispielsweise hat Novo Nordisk die grösste Innovationskraft im Bereich Diabetes. Auch eine Bavarian Nordic bei Krebsimpfungen oder Swedish Orphan Biovitrium bei seltenen Krankheiten sind Beispiele für attraktive europäische Biotech-Unternehmen.»

Auf dem besten Weg zu diesem Status ist auch das deutsche Unternehmen Biofrontera. Die 1997 gegründete Gesellschaft, die neuartige Medikamente gegen Hautkrankheiten sowie dermatologische Kosmetik entwickelt, hat zuletzt mehrere Meilensteine in Form von Produktfortschritten und Kapitalzuflüssen erreicht. Bei der letzten Kapitalerhöhung kam mit Carsten Maschmeyer ein Milliardär und Gründer des Finanzvertriebs AWD an Bord, was der Aktie einen weiteren Schub gegeben hat. ¦

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