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Blick voraus 28.01.2020 18:56:00

Diese Faktoren werden 2020 das Schicksal der Schweizer Wirtschaft bestimmen

Diese Faktoren werden 2020 das Schicksal der Schweizer Wirtschaft bestimmen

• Schweizer Aktien- und Immobilienmarkt trotz Rekordhöhen wohl weiter robust
• Situation auf dem Arbeitsmarkt verschärft sich
• Beziehung zur EU vor Zerreissprobe

Die Schweizer Wirtschaft dürfte im aktuellen Jahr um 1,4 Prozent wachsen. Zu diesem Ergebnis kamen sowohl OECD als auch Credit Suisse in zwei voneinander unabhängigen Studien. Auch wenn viele Industriebranchen schwächeln, dürften ein erwartetes Konsumwachstum von einem Prozent sowie ein prognostiziertes Plus bei den Bauinvestitionen in Höhe von 1,2 Prozent ausreichen, um die Konjunktur weiter in Schwung zu halten, meint die Grossbank. "Eine ausgewachsene Rezession, die auch den Dienstleistungssektor erfasst, ist […] wenig wahrscheinlich", so Oliver Adler, Chefökonom Schweiz der Credit Suisse, in einer Pressemitteilung.

Auch die Chefs der Schweizer Unternehmen zeigen sich laut einer Studie des Wirtschaftsprüfers PwC mehrheitlich optimistisch für das aktuelle Jahr. So glauben rund 80 Prozent, dass 2020 für ihr Unternehmen positiv verlaufen werde. Für die globale Wirtschaft sind sie allerdings pessimistischer gestimmt: Rund 54 Prozent rechnen für dieses Jahr mit einer Abnahme des Weltwirtschaftswachstums. Doch auch, wenn zumindest die Schweiz wohl am Beginn eines guten Jahres steht: 2020 wird es bei einigen wichtigen Themen ernst, die die Zukunft der hiesigen Wirtschaft bestimmen dürften. Unter anderem der Aktien- und Immobilienmarkt sowie der Arbeitsmarkt und das Rahmenabkommen mit der EU stehen dabei im Fokus.

Wie lange hält der Rekordlauf an der Schweizer Börse noch an?

Im Sommer 2019 kletterte der SMI erstmals über die Marke von 10‘000 Stellen - und legt seitdem kontinuierlich weiter zu. Das Hin und Her beim Brexit und dem chinesisch-amerikanischen Handelskonflikt sowie schwache Daten von der Weltwirtschaft liessen den Index kalt. Befeuert von den niedrigen Zinsen kletterte der SMI in 2019 um rund 26 Prozent - und liess mit dieser Performance sowohl den Dow Jones mit einer Jahresperformance von rund 22 Prozent, als auch die Eurozone - der EuroStoxx 50 gewann lediglich knapp 25 Prozent hinzu - hinter sich.

Auch in 2020 sehen Experten keine Trendwende bei den Aktienkursen, wenngleich diese nicht mehr so stark steigen dürften wie im vergangenen Jahr. "Niedrige Zinsen und weiterhin steigende Börsen, das werden wir auch in diesem Jahr sehen. Aber der Anstieg wird in diesem Jahr nicht so werden wie im vergangenen Jahr. Das war ein Ausnahmejahr", sagte Janwillem Acket, Chefökonom der Privatbank Julius Bär, gegenüber dem "SRF". Er erwartet 2020 für den SMI ein Performanceplus von drei Prozent. Einen Crash auf dem Aktienmarkt wird es seiner Meinung nach auch im laufenden Jahr nicht geben, da nach wie vor ein Anlagenotstand herrsche - es also keine Alternative zu Aktien gibt - und die Wirtschafts- und Unternehmensdaten zu solide seien.

Ein Ende des Baubooms könnte gefährlich werden

Auch auf dem Immobilienmarkt sieht der Julius-Bär-Experte keine unmittelbare Gefahr. "Die Zentren, die grossen Städte, die Agglomerationen bleiben weiterhin attraktiv für Wohnbauten, aber auch für Unternehmensbauten. Da sehe ich kein Platzen der Blase", so Acket gegenüber dem "SRF". Er erwartet hingegen, dass die Preise für Stockwerkeigentum auch 2020 weiter ansteigen werden. Vorsichtiger gestimmt ist hingegen der Immobilien-Experte Claudio Saputelli von der UBS. Er hält laut "Luzerner Zeitung" einen Einbruch der Preise für Mehrfamilienhäuser um 10 bis 15 Prozent für möglich - falls die Zinsen wieder auch nur ein klein wenig über Null steigen sollten.

Sollte dieses Szenario eintreten, könnte es sich zu einer Gefahr für die Schweizer Wirtschaft entwickeln, denn zusammen mit dem robusten Konsum treiben auch die hohen Bauinvestitionen die Konjunktur an und halten eine Rezession in Schach. Bei steigenden Zinsen dürfte sich der Bauboom jedoch abschwächen. Doch tatsächlich ernsthaft mit einer Zinswende zu rechnen scheint aktuell niemand. Man könne schlicht nicht wissen, wie sich die Zinsen entwickeln würden und habe sich in den letzten fünf Jahren diesbezüglich bereits geirrt, so UBS-Chefökonom Danial Kalt laut "Luzerner Zeitung".

Schweizer Wirtschaft fehlen immer mehr Fachkräfte

Beim Blick auf den Schweizer Arbeitsmarkt dürften sich 2020 die bestehenden Sorgen weiter verschärfen - allen voran der Fachkräftemangel. Dieser werde sich weiter verschlimmern, warnt zum Beispiel die OECD. Ein Grund für diese Entwicklung ist laut Credit Suisse die anrollende Pensionierungswelle bei den Babyboomern, die dafür sorgt, dass in Zukunft jährlich deutlich mehr Menschen in Rente gehen werden als bisher. Diese Lücke könne momentan nicht adäquat geschlossen werden, da nicht genug junge Menschen nachrücken würden und der Bedarf an hochqualifizierten Arbeitskräften hierzulande ohnehin sehr hoch sei. Besonders stark unter dieser Entwicklung leiden dürften laut Credit Suisse die traditionelle Industrie, die Verkehrs- und Transportbranche sowie die administrativen und sozialen Dienste und die Landwirtschaft. Die OECD empfiehlt daher, Arbeitskräfte mit geringer Qualifikation, wie beispielsweise Migranten, weiterzubilden und die Vollzeitbeschäftigung von Frauen zu fördern.

Daneben erwartet der Bund laut "SRF" aber gleichzeitig auch, dass die Arbeitslosenquote 2020 leicht ansteigen wird, da es vor allem in der Industrie zu Stellenstreichungen und Kurzarbeit kommen könnte. Schweizer Zulieferer würden schon jetzt an der Auftragslage bemerken, dass die Konjunktur in Europa harzt. Sollte die europäische Wirtschaft weiterhin schwächeln, könnte neben dem Export auf lange Sicht auch der heimische Konsum in Mitleidenschaft gezogen werden - sofern Stellenstreichungen und Kurzarbeit einen bedeutenden Umfang annehmen sollten.

2020 als Schicksalsjahr für Wirtschaftsbeziehungen zur EU?

Die Europäische Union ist laut dem Bundesamt für Statistik der wichtigste Aussenhandelspartner für die Schweiz - die bilateralen Verträge, die die Beziehungen zur EU regeln, und die darin festgesetzten Rahmenbedingungen sind damit ein wichtiger Faktor für die Schweizer Wirtschaft. Da sich jedoch Wirtschaft und Rechtssprechung seit Bestehen der Verträge weiterentwickelt haben, wurde in den letzten Jahren über ein neues Rahmenabkommen mit der EU verhandelt - und das auch im Sinne der Wirtschaft, wie Monika Rühl von Economiesuisse dem "SRF" erklärte: "Die Unternehmen wollen eine Weiterentwicklung des bilateralen Wegs, sie wollen neue Verträge sehen und sie wollen vor allem die bestehenden Verträge aufdatiert sehen".

Seit November 2018 liegt ein neuer Vertragsentwurf vor - allerdings fehlt bislang die Unterschrift der Schweiz. Der Bundesrat will erst zustimmen, wenn mehrere offene Fragen gelöst sind und hat dafür Arbeitsgruppen eingerichtet. Die EU wäre zwar zu Ergänzungen und Präzisierungen des bestehenden Textes bereit, schliesst aber Neuverhandlungen kategorisch aus. Damit herrscht beim Rahmenabkommen seit mehr als einem Jahr Stillstand.

Für die Wirtschaft wären aber eine schnelle Umsetzung des Rahmenabkommens und die damit einhergehende Klarheit wünschenswert. "Wir brauchen dieses Rahmenabkommen, um auch unsere qualitativ hochstehenden Produkte in den europäischen Raum exportieren zu können", so Jörg Gasser, CEO der Schweizerischen Bankiervereinigung, gegenüber dem "SRF". "Die Erwartung ist natürlich da, dass dieses Rahmenabkommen möglichst rasch in den politischen Prozess eingespeist wird."

Möglicherweise wird es hier im Mai endlich Fortschritte geben, nachdem die Abstimmung über die Begrenzungsinitiative erfolgt ist. Sollte die Initiative Erfolg haben und die Freizügigkeit für Personen aus der EU abgeschafft werden, wäre jedoch das neue Rahmenabkommen in Gefahr - und damit die Schweizer Wirtschaft. Damian Müller von der FDP bezeichnete die Begrenzungsinitiative daher laut "Neue Zürcher Zeitung" als "wirtschaftsfeindlichste Initiative, die das Land je hatte". Bundesrat und Ständerat haben sich daher bereits deutlich gegen die Initiative ausgesprochen. Nun liegt der Ball am 17. Mai bei den Stimmberechtigten, die damit die entscheidenden Weichen für die weitere Zukunft der Schweizer Wirtschaft stellen.

Redaktion finanzen.ch

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Bildquelle: Aleksey Klints / Shutterstock.com,Keystone,Alexander Chaikin / Shutterstock.com

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