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11.12.2020 12:26:06

Schroders: Grüne und ESG-Anleihen: Was steckt hinter ihrem Aufstieg?

Schroders: Grüne und ESG-Anleihen: Was steckt hinter ihrem Aufstieg?

Saida Eggerstedt
Head of Sustainable Credit

«Grüne» Anleihen ziehen schon seit einiger Zeit die Aufmerksamkeit der Anleger auf sich. Die Anlageklasse spielt eine wichtige Rolle bei der Entwicklung und dem Wachstum von ESG-Anlagen (Umwelt, Soziales und Governance) im festverzinslichen Bereich. Eine «grüne» Anleihe ist ein Instrument, das Projekte finanziert, die sich positiv auf die Umwelt und/oder das Klima auswirken. Die neueste Entwicklung sind «soziale» Anleihen, mit denen ein besserer Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung finanziert werden soll.

Wie Daten der Climate Bonds Initiative und von Bloomberg zeigen, verzeichneten «grüne» Anleihen in diesem Jahr einen Wachstumsschub: Die Marke von 1 Bio. US-Dollar dürften sie bald überschritten haben. Neben hohen Emissionsvolumina bei Staatsanleihen wurden auch mehr Unternehmensanleihen ausgegeben, und zwar von einem breiteren Spektrum von Unternehmen und Branchen.

Im Folgenden untersuchen wir einige der jüngsten Marktentwicklungen und ihre Folgen.

Gibt es einen besonderen Grund für die höheren Emissionen in diesem Jahr, insbesondere seit März?

Die Anlegerbasis bei nachhaltigen Anleihen ist gewachsen und breiter geworden. Das ist sicherlich in Europa der Fall, aber wir sehen insbesondere auf den auf US-Dollar und Pfund Sterling lautenden Märkten mehr Emittenten. Es macht Sinn, dass sie von dieser Entwicklung profitieren und ESG-Anleger in ihre Anlegerbasis integrieren wollen.

Regierungen reagierten auf die wirtschaftlichen Folgen der Covid-19-Lockdowns mit der Emission von grünen und sozialen Anleihen. So legte die deutsche Regierung grüne Bundesanleihen auf. Ausserdem wurden im Rahmen des Wiederaufbaufonds EU-SURE-Anleihen ausgegeben, wozu grüne Anlageinitiativen zählen. Diese Massnahmen hatten für europäische Unternehmen eine Vorbildfunktion, sodass der Markt in puncto Grösse und Liquidität wuchs und einen Tugendkreis schuf.

War es angesichts der ungünstigen Marktbedingungen und soliden Trends bei der Investition in ESG-Anleihen leichter, grüne Anleihen auszugeben?

Ja und nein. Wir sollten nicht vergessen, dass ESG-Anleger mehr Fragen über die ESG- und finanziellen Kennzahlen stellen (oder zumindest stellen sollten). Das bedeutet, dass die Emittenten zusätzliche Ressourcen und grosse Einsatzbereitschaft benötigen sowie einen soliden Nachhaltigkeitsplan entwickeln müssen.

Die Massnahmen der Zentralbanken haben in diesem Jahr viele Emittenten von Unternehmensanleihen auf den Markt gebracht, da sich die Unternehmen ein ausreichendes Kapitalpolster im Vorfeld der Lockdowns sichern wollten. Einzelne Emittenten setzen ihre grünen oder sozialen Nachhaltigkeitsanleihen ein, um ihre Umwelt- und Sozialinitiativen zu fördern. Da die Pandemie viele Schwachstellen auf der Welt ins Rampenlicht rückte, sahen viele Unternehmen dies als Gelegenheit, ihre Verantwortlichkeiten neu zu beurteilen.

Bewertet man diese Anleihen aus ESG-Perspektive und aus finanzieller Sicht, ermöglicht dies in diesen volatilen und unsicheren Zeiten ein besseres Verständnis und einen höheren Überzeugungsgrad, ob zum Guten oder Schlechten.

Haben sich neue interessante Trends angesichts der steigenden Emissionen im Hinblick auf Bewertungen, den Einsatz der Erlöse oder die Art von emittierenden Unternehmen oder Branchen ergeben?

Tatsächlich werden ESG-Anleihen in neuen Sektoren begeben, was wir begrüssen. Bislang wurden sie nur von Versorgern und Banken ausgegeben. Ausserdem erleben wir Innovationen in Bezug auf Nachhaltigkeit und soziale Anleihen, oft im Zusammenhang mit Kennzahlen oder den Nachhaltigkeitszielen der UN.

Burberry war das erste Modeunternehmen, das eine ESG-Anleihe ausgab und ausführlich über seine Nachhaltigkeitsstrategie informierte. Die Ziele von Burberry sind: (1) Kohlenstoffneutralität im Betrieb bis 2022 mit einem Schwerpunkt auf Energieeffizienz und umweltfreundlichen Gebäuden, (2) Schwerpunkt auf nachhaltigen Rohmaterialien, insbesondere von der Better Cotton Initiative zertifizierte Baumwolle im Einklang mit dem "Leben an Land"-Nachhaltigkeitsziel der UN, und (3) nachhaltige Verpackung. Dies ist ein Beispiel dafür, wie ESG- und geschäftliche Aspekte miteinander in Einklang gebracht werden können. Das ist besonders wichtig, weil ESG-Faktoren für jüngere Kunden eine grosse Rolle spielen.

Die Ausgabe von grünen Hochzinsanleihen ist eine neue Entwicklung. Die chinesische Tochtergesellschaft von Volvo und Getlink, der Betreiber des Eurotunnels, gaben beide grüne Anleihen mit BB-Rating aus. Volvo Car konzentriert sich auf die Entwicklung von Elektrofahrzeugen. Getlink wird die Erlöse zur Finanzierung von sauberem Transport, Energieeffizienz, Recycling- und Klimaanlagen verwenden. Die Rahmenvereinbarung umfasst die Berichterstattung darüber, wofür die Erlöse ausgegeben werden. Auf dem US-Markt wurden Pandemie- und Vielfalt-Anleihen ausgegeben.

Das Schweizer Gesundheitsunternehmen Novartis legte eine Anleihe mit achtjähriger Laufzeit auf, die mit einem höheren Kupon im Zusammenhang mit ESG-Zielen einhergeht. Ziel von Novartis ist es, den Zugang zu Arzneimitteln in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommensniveau bis 2025 um 200 % zu steigern. Wird das Ziel nicht erreicht, steigt der Kupon (also die Zinsen) um 0,25 Prozentpunkte.

Haben Sie ein Nachlassen oder Schwankungen bei der Qualität der ESG-Neuemissionen festgestellt? Hat die Zunahme der ESG-Emissionen Chancen geschaffen?

Chancen gibt es ganz gewiss: Vorteile ergeben sich für Anleger, aber auch für die Gesellschaft, da die Unternehmen eindeutig an einer grösseren Energieeffizienz und niedrigeren CO2-Emissionen interessiert sind. Die Emittenten verpflichten sich gegenüber allen Interessengruppen. Wir möchten keinen zu hohen Aufschlag für ESG-Anleihen zahlen, es sei denn, wir glauben, dass sich das um die Nachhaltigkeit bereinigte Bonitätsprofil des Unternehmens auf Dauer verbessert.

Anleiheinvestoren können einerseits durch die Einflussnahme auf Emittenten und andererseits durch die Anlage in verschiedene UN-Nachhaltigkeitsziele sowie soziale und ökologische Anliegen über einen zunehmend zugänglichen und liquiden ESG-Anleihemarkt eine Wirkung erzielen.

Sind die freiwilligen Brancheninitiativen wie die International Capital Markets Association (ICMA) und die Climate Bonds Initiative (CBI) effektiv?

Die International Capital Markets Association hat sich im Lauf der Zeit unter regelmässiger Beratung mit ESG-Anleiheinvestoren und -Experten weiterentwickelt. Zwar sind diese Initiativen freiwillig und Nachzügler werden nicht abgestraft. Dennoch sind ICMA-Initiativen effektiv, da sie einen Mindeststandard festlegen, der bei der Bewertung eines Emittenten von grünen Anleihen hilfreich ist. Zudem werden gute Unternehmen von Anlegern anerkannt.

Die ICMA bietet kontinuierlich Unterstützung in Bezug auf den Zweck von grünen Anleihen. Beispielsweise pochte sie in diesem Jahr auf die Relevanz von sozialen Anleihen angesichts der Coronavirus-Pandemie. Sie stellt Leitlinien für in Frage kommende verwandte Projekte zur Verfügung, wie die Gesundheitsforschung und -investitionen, insbesondere im Hinblick auf die Entwicklung von Impfstoffen und die Investition in medizinische Produkte.

Die CBI zielt darauf ab, der Goldstandard für grüne Anleihen zu sein und eine Zertifizierung zu bieten. Emittenten werden dafür aber zahlen müssen. Zudem muss die Meinung einer Drittpartei eingeholt werden. Die CBI-Zertifizierung der neuesten grünen Anleihe in britischen Pfund von Barclays ermöglichte es einigen Datenanbietern wie Refinitiv, sie als grüne Anleihe einzustufen, was für Fonds, die nur grüne Anleihen aufweisen, hilfreich sein könnte. Der Bank Barclays insgesamt fehlt es noch an einer klareren Strategie für einen Übergang, solange einige ihrer Kunden noch an Geschäften rund um fossile Brennstoffe beteiligt sind.

Ein Emittent grüner Anleihen ist idealerweise so transparent und zukunftssicher wie nur möglich, unabhängig davon, ob er die Einschlusskriterien für den MSCI Green Bond Index erfüllt oder eine Zertifizierung von CBI erhält. Dies erreicht er, indem er sich an die Richtlinien der ICMA hält und von zuverlässigen Agenturen unterstützt wird, die eine Zweitmeinung bereitstellen. Auf der Roadshow zu grünen Anleihen sprachen wir über ESG-Strategien insgesamt, die Gründe, Verpflichtungen und Herausforderungen einer umweltfreundlichen Neuorientierung eines Unternehmens und die Folgen für Kennzahlen und Meilensteine.

Wie messen, bewerten und analysieren wir die Nachweise oder die Struktur einer grünen oder sozialen Anleihe und stellen sicher, dass die Erlöse für den genannten Zweck eingesetzt werden?

Für uns ist es wichtig, auch die Kultur, Strategie und allgemeine Richtung eines Emittenten von grünen oder sozialen Anleihen zu bewerten. Dann kann man die ESG-Anleihe als einen Weg verstehen, um finanzielle Verpflichtungen und die der Geschäftsleitung zu erfüllen. Unser Team aus Unternehmens- und ESG-Analysten und Portfoliomanagern untersucht verschiedene Unternehmenskennzahlen und den Einsatz der Erlöse, darunter die Reduzierung der Kohlenstoffintensität und vermiedene Kohlenstoffemissionen, die Schaffung von Kapazitäten bei Krankenhausbetten oder Sozial-/Gesundheitseinrichtungen oder die Anzahl von Studenten, denen geholfen wurde. Idealerweise werden die Erlöse vor allem für neue Entwicklungen eingesetzt, wobei ein gewisser Spielraum für einen Lookback-Zeitraum (maximal drei Jahre) gelassen werden sollte.

Neben der quantitativen und qualitativen jährlichen Berichterstattung über die ESG-Anleihe selbst sind Nachhaltigkeitsberichte und zunehmend auch die Berichterstattung der Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) wichtig, um die Finanzberichterstattung und monatliche Treffen mit dem Emittenten sowie sektorspezifische ESG-Analysen zu ergänzen.

Wie sehen Sie strengere Massnahmen, beispielsweise getrennte Konten für die Erlöse von ESG-Anleihen?

Ich denke, solche Massnahmen sind ideal, aber nicht immer realistisch oder praktikabel. Letztlich sind sie nicht unerlässlich. Ebenso wichtig, oder noch wichtiger, sind die ökologischen und sozialen Folgen des Einsatzes der Erlöse, was sich am besten durch Einflussnahme überwachen lässt.

Ein getrenntes Konto mag zwar etwas sein, das Prüfer auf ihrer Liste abhaken können, es kann jedoch auch beschwerlich sein, weil es zusätzlichen Verwaltungsaufwand schafft. Wichtiger ist, dass die ESG-Anleihe kein einmaliges Unterfangen ist. Sie sollte Teil einer umweltfreundlichen oder sozialverträglichen Umorientierung sein, die mit anderen Aktivitäten in grösserem Umfang einhergeht.

Glauben Sie, dass es bestimmte Regeln gibt, deren Anwendung sinnvoll wäre? Sollte es zum Beispiel möglich sein, die ESG-Zertifizierung nachträglich zu entziehen?

An der Verantwortlichkeit der ESG-Investoren im Hinblick auf Due Diligence und die direkte Einflussnahme auf Unternehmen, Branchenverbände, Verbünde und Aufsichtsbehörden, um zu einer grüneren und nachhaltigen Gesellschaft beizutragen, lässt sich nicht rütteln. Die Meinung einer glaubwürdigen Drittpartei im Hinblick auf eine ESG-Anleihe ist zwar hilfreich, ausschlaggebend ist jedoch die Bewertung des Emittenten durch die Analysten. Wie bei einem Bonitätsrating einer Agentur spielt die soziale oder grüne Zertifizierung zwar eine Rolle, ist für aktive Anleger aber nicht ausschlaggebend.

Welche Trends oder Entwicklungen gibt es bei dem Einsatz der Erlöse und was verrät uns das über die ESG-Überlegungen und -Prioritäten der Unternehmen?

Insgesamt denken die Unternehmen inzwischen in grösseren Zusammenhängen und erweitern ihren ESG-Horizont. Ökologische Überlegungen haben nicht nur mit dem Unternehmen selbst zu tun, sondern müssen auch im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaabkommens stehen. Das Thema «Grüne Gebäude» war ein grosser Erfolg, insbesondere was die Zertifizierung neuer Gebäude betrifft. Das Thema ist jetzt weiter gefasst, um energieeffiziente Renovierung und ihre Rolle in einer Kreiswirtschaft zu berücksichtigen, zum Beispiel, was das Abfall- und Wassermanagement betrifft. Soziale Anleihen beschränkten sich oft auf bezahlbaren Wohnraum, schliessen inzwischen aber auch Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung ein. Ein verantwortungsbewusster Emittent prüft die Vielfalt in seinem Geschäft in Bezug auf ethnische Zugehörigkeit, Geschlecht, Einkommen und mentale und physische Leistungsfähigkeit und gibt zu diesem Zweck eine soziale oder nachhaltige Anleihe aus. Wir haben hier bereits erste Entwicklungen beobachtet.

Was sind die grössten Vorteile von grünen Anleihen in einem Portfolio von Unternehmensanleihen?

Der wichtigste Vorteil von glaubwürdigen und relevanten grünen oder sozialen Anleihen in einem Portfolio von Unternehmensanleihen ist ein grösseres Engagement in nachhaltigen Investitionen und ein diversifiziertes Engagement in Themen der Zukunft.

Der Wert einer Anlage kann sowohl steigen als auch fallen und ist nicht garantiert. Alle Anlagen sind mit Risiken verbunden. Dazu gehört unter anderem der mögliche Verlust des investierten Kapitals.

Hier erfahren Sie mehr: https://www.schroders.com/de/ch/asset-management/insights/

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Bildquelle: Schroders

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