Anleger-Magazin Stocks 08.12.2012 08:00:00

Der Indiana Jones der Fondsbranche

Der Indiana Jones der Fondsbranche

Von Erich Gerbl

Der Mann wurde in Manila beschossen, im Hinterland von São Paulo von Gangstern mit Waffengewalt seines Autos beraubt, hat mehrere Notlandungen hinter sich und so manches undefinierbare Mahl verspeist. Nicht zu unrecht gilt Mark Mobius als «Indiana Jones der Fondsbranche».

Der zierlich gebaute Amerikaner mit deutschem Pass ist die personifizierte Emerging-Markets-Expertise und wohl der bedeutendste Pionier der aufstrebenden Märkte. Der 76-Jährige investierte in den frühen 1980er-Jahren in Asien, als selbst Japan noch ein unentwickelter, hoch riskanter Markt war und es den Begriff «Emerging Markets» noch gar nicht gab. Als Sir John Templeton Mobius 1987 anheuerte, um für seine Fondsgesellschaft ein Schwellenländerportfolio aufzubauen, konnte ein internationaler Anleger gerade mal in fünf dieser Märkte investieren. Heute sind es 40. Die Zahl der börsennotierten Unternehmen hat sich seither verzwanzigfacht. Zahlreiche Hürden wie Devisenkontrollen machten ausländischen Investoren das Leben schwer. Mobius verbrachte viel Zeit damit, die Infrastruktur für die Aktiengeschäfte aufzubauen.

In 25 Jahren schuf er für die Fondsgesellschaft Franklin Templeton ein umfangreiches Schwellenländer-Angebot. Zu Fonds wie Asia Growth, BRIC, China, Osteuropa, Emerging Markets, Frontier Markets, Lateiname­rika und Thailand kam vor kurzem ein Afrika-Fonds hinzu. Das verwaltete Vermögen stieg von 100 Millionen auf 50 Milliarden Dollar.

Mobius wurde bei 13 Fonds als Lead-Manager eingesetzt. Doch kann nie­mand ein so verzweigtes Aktien-De­pot überblicken. Obwohl er offiziell am Lenkrad sitzt, gab er in den Jah­ren immer weitere Teile seiner Arbeit an sein 52-köpfiges Team ab. So ist es ein offenes Geheimnis, dass der Deutsche Carlos von Hardenberg den Frontier-Market-Fonds steuert.

Das Bild eines müde gewordenen Mobius wäre jedoch falsch. Auch wenn er in vier Jahren seinen 80. Geburtstag feiert, ist er ständig unterwegs. «I believe in getting out and kicking the tires», (Anmerkung: «da raus zu gehen und die Firmen genau unter die Lupe zu nehmen») poltert ein Mann, in dessen Alter manche Menschen nicht einmal mehr den Weg zum Supermarkt bewältigen. «Ich will alles mit meinen eigenen Augen sehen», sagt er und beschreibt damit seine Technik der Aktienanalyse am besten. «Kalte und harte Daten und Zahlen» hält er nur für einen Teil der Investmentstory. Wie es um die Firmen und Länder steht, glaubt er am besten vor Ort zu verstehen. Sucht Indiana Jones historische Schätze, sind es bei Mobius unterbewertete Firmen mit grossen Wachstumschancen. Während die meisten Fondsmanager ihre Zeit im Büro absitzen, haben er und sein Team in den letzten 25 Jahren rund 20 000 Firmen besucht. Mobius hat eine persönliche Theorie entwickelt: «Länder, die es Reisenden einfach machen einzureisen, sind meist auch zu ausländischen Geldgebern freundlich», schreibt er in seinem Internet-Blog.

Damit Mobius möglichst viele Firmen abklopfen kann, stellte ihm Franklin Templeton einen eigenen Jet, eine neunsitzige Golf Stream, zur Verfügung. Diesen Luxus nutzt er aus. Rund 250 Tage im Jahr ist er rund um den Globus unterwegs. Seine Wohnungen in Hongkong und Singapur sieht er kaum. Mobius: «Ich bin stolz darauf, den Status eines Vollzeit-Nomanden erreicht zu haben.» 30 Millionen Flugmeilen, das sind 1200 Erdumrundungen, hat er angeblich bereits zurückgelegt.

Die Lust, Neues zu entdecken, liegt bei ihm offenbar in den Genen. Seine Mutter, die gebürtige Puerto Ricanerin Maria Louisa Colon, war davon überzeugt, eine Nachfahrin von Christoph Kolumbus zu sein. Sein Vater Paul Erich Mobius war ein Bäcker aus Dresden. Er heuerte Ende der 1920er-Jahre auf dem damals modernsten Schnelldampfer der Welt, der «Bremen» an. Nachdem er die Welt gesehen hatte, blieb er in New York hängen, wohin es auch seine zukünftige Frau verschlug. Weil der Vater früh starb, musste der kleine Mark als Zeitungsjunge oder Kellner mit anpacken. Seine Studien, Journalismus und Kommunikation, Psychologie, Wirtschaft und Politik (Doktorat am renommierten MIT), finanzierte er sich spielerisch. Mit seinen älteren Brüdern Hans und Paul gab er gegen Bezahlung klassische Konzerte. Von Zeit zu Zeit war Mark in einem Nachtclub als Pianist zu hören.

Monsanto und Kulturrevolution

Die ersten Kontakte mit den Emerging Markets machte er schon bald nach seinem Studium, als er sich auf Marktforschung spezialisierte. 1964 besuchte er die Olympischen Spiele in Tokio, um dort Getränketests zu koordinieren. Später erforschte er für die US-Regierung die Auswirkungen des Vietnamkrieges auf die thailändische Bevölkerung. 1967 kam er mitten in der Kulturrevolution erstmals nach Hongkong. Mobius testete dort für Monsanto Proteingetränke. Von den Unruhen und dem schlechten Geschmack der Drinks liess er sich nicht abschrecken. Zwei Jahre später gründete der 33-Jährige dort eine eigene Beratungsfirma. Hongkong ist bis jetzt sein Heimathafen.

Der Typ, der sich auf seinem Erfolg ausruht, ist Mobius nicht. Arbeit scheint sein grösstes Laster zu sein. Urlaub macht er angeblich nie. Kollegen berichten, dass Reisen mit ihm anstrengend werden können. Im Jet geht die Arbeit weiter. Statt einem Nickerchen werden Mails und Kurse gecheckt. Dank Wifi-Verbindung ist das auch im Flugzeug möglich. Zum Stressabbau hält sich Mobius fit. Die Hotels wählt er nach der Qualität der Fitnessstudios aus. Täglich ist eine Stunde auf dem Crosstrainer eingeplant. Schon legendär ist sein Klappvelo, das bei den meisten Trips dabei ist. Auf einem Mountainbike kann man Mobius im Spessart, einem Waldgebiet östlich von Frankfurt, sichten. Im nahegelegenen Aschaffenburg lebt noch deutsche Verwandtschaft, die er regelmäs­sig besucht. 1990 nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, spricht jedoch kein Deutsch.

Mobius hasst Kälte und die Zahl vier

Mobius ist trotz seiner Bekanntheit ein sehr höflicher und umgänglicher Mensch. Mit ein paar Sonderbarkeiten müssen seine Mitarbeiter dennoch zurechtkommen. Während er bei der Firmenanalyse mit Zahlen sehr rational hantiert, hat es ihm im Alltag die ostasiatische Zahlenmystik angetan. Werden Hotels auf seinen Reisen gebucht, müssen die Mitarbeiter Zimmer im vierten Stock und Zimmernummern, die auf vier enden, möglichst vermeiden. Vier klingt im Chinesischen ähnlich wie Sterben oder Tod und ist die Unglückszahl. Was Mobius sonst nicht mag, ist Kälte. So ist es leichter, ihn für die Teilnahme an einem Fondskongress in Brasilien zu begeistern, als im Januar im frostigen Mannheim.

Wesentlicher Teil der Marke Mobius ist seine aufpolierte Glatze. Zum Yul Brynner der Fondsbranche machte er sich selbst. Mitte 30 versengte er sich bei einem Wohnungsbrand seine rötlichen Haare. Mobius rasierte sich den Kopf und blieb seitdem bei dieser praktischen Frisur.

Spielerisch bedient sich Mobius trotz seines Alters neuer Medien. Im Oktober 2009 rief er den Internet-Blog «Investment-Abenteuer in Emerging Markets» ins Leben. In diesem Online-Forum analysiert er jede Woche die verschiedensten Märkte und berichtet über seine Reiseerlebnisse. «Einen Blog zu schreiben, ist keine grosse Sache, es ist nur ein anderes Medium.» Mobius twittert an 20 000 Folger und das mehrmals täglich. Der Rastlose schreibt auch Bücher. Allein 2012 kamen drei neue auf den Markt.

Dank seines markanten Aussehens – zur Glatze kommen mitunter weisse Anzüge und goldene Krawatten dazu – wird Mobius vielfach erkannt und von Privatanlegern auf Tipps angesprochen. Anleitungen zum schnellen Reichtum gibt es keine. «Es gibt für die erfolgreiche Geldanlage kein einfaches Geheimnis, keine Blaupause oder starren Fahrplan.»

Während er als Fondsmanager in hoch spekulative Märkte investiert, zeigt er sich in der Verwaltung seines privaten Vermögens von seiner vorsichtigeren Seite. Ein Drittel seines Ersparten hat er in Immobilien angelegt, ein Drittel steckt in den eigenen Fonds. Ein Drittel hält er in Cash.

Für den Altmeister der Emerging Markets werden die Zeiten nicht leichter. Immer mehr Fondsanbieter bieten lokale Teams, die vor Ort recherchieren. Intern holt die Jugend auf. Franklin Templeton versucht den 39-jährigen Michael Hasenstab als ebenbürtigen Star zu positionieren. Der verwaltet bereits 100 Milliarden Dollar. Doch so schnell gibt ein Mark Mobius nicht auf. Der Indiana Jones der Geldanlage hat nicht vor, in Pension zu gehen. Das eine oder andere Abenteuer sollte vor dem 80. Geburtstag noch möglich sein.

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Bildquelle: ZVG

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