25.03.2020 16:00:52

Rohstoffmärkte im Erholungsmodus

Energie: Trotz kurzfristiger Zuversicht überwiegen am Ölmarkt weiter die Gefahren

Ob das Ansinnen von US-Präsident Trump, die Wirtschaft trotz der Corona-Krise bald wieder zu normalisieren, aufgeht, ist unklar. Aktuell steigt die Zahl der Infizierten in den USA noch exponentiell an. Den Finanzmärkten scheint allerdings dieser Plan zusammen mit dem monetären Stimulus der Fed und den (sehr wahrscheinlichen) Fiskalstimuli zu gefallen, wobei die meisten Aktien- und Rohstoffpreise gestern stark gestiegen sind. Der Brentölpreis kratzt nun wieder an der 28 USD-Marke, der CO2-Preis steigt auf 17 EUR je Tonne. U.E. ist Euphorie am Ölmarkt aber fehl am Platz. Der Preiskrieg unter den Ölproduzenten hält an und auf der Nachfrageseite ziehen weitere dunkle Wolken auf. So haben gestern mit Indien und Südafrika zwei weitere grosse Länder 3-wöchige Ausgangssperren verhängt. In Thailand wurde sogar der Ausnahmezustand ausgerufen. Indien zählt mit Importen von über 5 Mio. Barrel täglich an Rohöl und Ölprodukten zu den weltgrössten Ölnachfrageländern. Produktionskürzungen können das zumindest kurzfristig nicht auffangen, auch wenn sich die Ölproduzenten überraschend darauf einigen sollten. Eine längerfristige Preisstabilisierung geht sowieso nur über einen Kapazitätsabbau. Viele Ölunternehmen und Öldienstleister haben ihre Produktionsziele und Investitionsbudgets für dieses Jahr bereits massiv reduziert. Dem Markt drohen nun deutlich schärfere und schnellere Einschnitte als 2016.

Auch die Grossanleger sind zuletzt deutlich pessimistischer geworden und haben ihre Wetten auf steigende Ölpreise stark zurückgefahren. In der Woche zum 17. März haben sie ihre Netto-Long-Positionen bei Brent mehr als halbiert. Diese lagen mit rund 70,5 Tsd. Kontrakten so tief wie zuletzt Ende 2014. Interessanterweise hat im Gegensatz dazu der US Oil Fund für die Vorwoche den höchsten Wochenzufluss überhaupt berichtet, was auf ein verstärktes Interesse der Kleinanleger hindeutet. Ob die Kleinanleger besser als die Profis liegen, wagen wir zu bezweifeln.

Edelmetalle: Gold ist wieder stark gefragt

Gold stieg gestern abermals kräftig und überwand erstmals seit knapp zwei Wochen wieder die Marke von 1.600 USD je Feinunze. In der Nacht waren es in der Spitze 1.640 USD. Der Preisanstieg über die letzten beiden Handelstage beläuft sich damit auf 150 USD. Die Zentralbanken, allen voran die Fed und die EZB, haben die geldpolitischen Schleusen sperrangelweit geöffnet. Letzte Nacht hat der US-Senat dem gigantischen Corona-Hilfspaket der Trump-Regierung zugestimmt. Der Dow Jones Industrial Average hat dies gestern schon vorweggenommen und den stärksten Tagesgewinn seit 87 Jahren eingefahren. Heute wird der Deutsche Bundestag das beispiellose Rettungspaket der Bundesregierung billigen. Damit wird sich in den kommenden Monaten eine noch nie dagewesene Flut an ungedecktem Papiergeld über die Märkte ergiessen. Davon sollte Gold profitieren, das sich nicht auf Knopfdruck vermehren lässt. Diese Erfahrung machen aktuell bereits Goldhändler in Deutschland, die wegen Lieferunterbrechungen die hohe Nachfrage der Kunden nicht befriedigen können. Denn aufgrund des Coronavirus sind die Raffinerien in der Schweiz geschlossen, die ca. 70% des weltweit geförderten Goldes weiterverarbeiten. Der Aufpreis für physisches Gold stieg im Zuge dessen auf bis zu 80 USD. Dagegen steht die Goldnachfrage in Indien vor einem massiven Rückgang. Premierminister Modi hat eine 3-wöchige Ausgangssperre für das gesamte Land verhängt, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen. Die indische Goldschmuckindustrie rechnet daraufhin mit einem Nachfragerückgang um 30% gegenüber dem Vorjahr. Tritt diese Prognose ein, würde die Goldnachfrage in Indien auf das tiefste Niveau seit 25 Jahren fallen. Die Bäume für den Goldpreis dürften daher trotz des jüngsten Anstiegs nicht in den Himmel wachsen.

Produktionsstopp in Südafrika lässt Platin und Palladium steigen

Platin und Palladium standen zuletzt wegen der Corona-Krise unter Druck, da die Nachfrage aus der Automobilindustrie wegbricht. Nun könnte es allerdings auch auf der Angebotsseite zu Störungen kommen, weshalb Platin und Palladium seit gestern kräftig zulegen. Platin steigt in der Spitze auf 740 USD je Feinunze, Palladium auf 2.000 USD. Denn Südafrika will zur Bekämpfung des Coronavirus für die nächsten drei Wochen eine Ausgangssperre verhängen. Davon betroffen sind auch die Platinminen. Dorther stammen mehr als 70% der weltweiten Platinminenproduktion und knapp 40% des weltweiten Minenangebots von Palladium. Unterstellt man eine konstante Minenproduktion im Jahresverlauf, so würde sich innerhalb von drei Wochen ein Produktionsausfall von 250 Tsd. Unzen Platin und 150 Tsd. Unzen Palladium ergeben. Den durch das Coronavirus bedingten Nachfrageausfall wird dies allerdings kaum ausgleichen. Bei einer vorsichtigen Annahme von einem Monat fehlender Nachfrage aus der Automobilindustrie würde dies immerhin einen Ausfall bei Palladium von 800 Tsd. Unzen bedeuten. Bei Platin würde der entsprechende Nachfrageausfall in etwa der wegfallenden Produktion entsprechen. Von daher scheint der aktuelle Preisanstieg übertrieben.

Frühere Wertentwicklungen, Prognosen und Simulationen sind kein Indikator für die künftige Wertentwicklung.

Industriemetalle: Angebotsdefizit bei Kupfer wohl nicht von Dauer

Die Ankündigung der US-Notenbank Fed, die Geldpolitik weiter deutlich zu lockern, hat auch den Industriemetallpreisen gestern spürbaren Auftrieb gegeben: Kupfer nahm einen ordentlichen Schluck aus der Pulle und stieg zeitweise um 6,5% auf 4.930 USD je Tonne. Am Handelsende stand ein Plus von 4% zu Buche. Die anderen Metalle legten ebenfalls zu, allerdings weniger stark. Schwache Einkaufsmanagerindizes aus der Eurozone für März konnten die Erholungsrally nicht bremsen. Sie ergaben zudem ein zweigeteiltes Bild: Während die Stimmung im Dienstleistungssektor auf historische Tiefs gefallen ist, war sie in der Industrie noch erstaunlich gut. Heute Morgen konsolidieren die Metallpreise. Die spannende Frage wird sein, ob sie ihre Gewinne verteidigen können. Die Einigung auf das Konjunkturpaket in den USA letzte Nacht scheint erstmal keine Rolle zu spielen – sie wurde wohl schon vorweggenommen.

Wie die International Copper Study Group (ICSG) jüngst berichtete, wies der globale Kupfermarkt im letzten Jahr ein Angebotsdefizit von rund 340 Tsd. Tonnen auf. Damit war das Defizit nur etwas kleiner als im Vorjahr und fast doppelt so gross wie noch auf der Herbsttagung im Oktober unterstellt. Für den Dezember wies die ICSG aber schon einen hohen Überschuss aus. Dies dürfte ein Vorgeschmack darauf sein, was uns in diesem Jahr erwartet. Auch wenn die Produktion gerade wegen den Massnahmen zur Eindämmung des Coronavirus vielerorts vorübergehend gedrosselt oder ganz eingestellt wird, dürfte sie die Nachfrage doch bei weitem übersteigen. Die ICSG könnte daher auf ihrer Frühjahrstagung Ende April den schon erwartet hohen Angebotsüberschuss für 2020 nach oben revidieren. Das Treffen ist zwar wie so viele andere abgesagt, neue Prognosen sollen dennoch veröffentlicht werden.

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