14.08.2019 15:49:13

Ölpreise steigen deutlich wegen Entspannung im Handelskonflikt

Energie: Die Nachricht, dass die US-Regierung die für den 1. September geplanten Strafzölle von 10% für einige chinesische Güter auf Mitte Dezember verschieben will, wurde am Ölmarkt mit einem Preissprung bei Brent um fast 5% aufgenommen. Brent erreichte in der Spitze 61,5 USD je Barrel, WTI 57,5 USD. Der vom API gestern nach Handelsschluss gemeldete überraschende Anstieg der US-Rohölbestände lässt die Preise am Morgen zwar etwas abbröckeln. Brent handelt aber weiterhin deutlich über der Marke von 60 USD. Die heftige Preisreaktion gestern überrascht nicht, schliesslich verzeichneten die Ölpreise im Rohstoffuniversum auch die stärksten Verluste, nachdem US-Präsident Trump die Strafzölle am 1. August angekündigt hatte. Wir hatten den Preisrückgang für übertrieben erachtet und mit einer Erholung gerechnet. Mit der Verschiebung der Strafzölle ist die Kuh allerdings nicht vom Eis, denn aufgeschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben. Es bleibt abzuwarten, ob sich die beiden Konfliktparteien bei den anstehenden Handelsgesprächen entscheidend annähern. Wir bleiben diesbezüglich skeptisch. Zu unterschiedlich sind die jeweiligen Interessen. Die USA wollen die führende Wirtschaftsmacht bleiben, China will dies werden. Wir rechnen dennoch mit einer fortgesetzten Preiserholung auf 65 USD je Barrel für Brent in den kommenden Monaten. Die Ölnachfrage in China und den USA dürfte sich wegen des Handelsstreits nicht nennenswert abschwächen. Tritt dieser Fall dennoch ein, würde Saudi-Arabien seine Produktion erneut kürzen. Im zweiten Halbjahr ist der Ölmarkt dank der Produktionseinschränkungen der OPEC+ ohnehin unterversorgt.

Edelmetalle: Auch bei Gold und Silber sorgte der verkündete Aufschub der US-Strafzölle gegen China und die Aussicht auf neuerliche Handelsgespräche für heftige Preisausschläge. Gold gab am Nachmittag ausgehend vom zuvor bei gut 1.530 USD je Feinunze verzeichneten 6-Jahreshoch binnen kurzer Zeit um ca. 50 USD nach, erholte sich im späteren Handelsverlauf aber wieder auf 1.500 USD. Dort handelt es auch aktuell. Noch stärker war die Preisbewegung bei Silber. Dem Anstieg auf ein 18-Monatshoch von 17,5 USD je Feinunze folgte ein Absturz um ca. 1 USD. Analog zu Gold setzte daraufhin eine Erholung auf 17 USD ein. Dort hat sich Silber seither eingependelt. Angesichts des stark gestiegenen spekulativen Interesses bei Gold und Silber hätten die gestrigen Nachrichten auch der Anlass für eine länger anhaltende Korrektur sein können. Schliesslich erreichten die Netto-Long-Positionen der spekulativen Finanzanleger bei Gold in der letzten Berichtswoche das höchste Niveau seit fast zwei Jahren, bei Silber in der Woche zuvor das höchste Niveau seit November 2017. Dass es zu ersten Gewinnmitnahmen kam, zeigten die für gestern gemeldeten Abflüsse aus dem SPDR Gold Trust von 11 Tonnen, was dem stärksten Tagesabfluss aus dem grössten Gold-ETF seit Anfang April entsprach. Das gestrige Handelsgeschehen zeigt allerdings auch, dass Preisrückgänge von den Marktteilnehmern offensichtlich als Kaufgelegenheit erachtet werden. Dies spricht für weiter steigende Gold- und Silberpreise.

Industriemetalle: Während der Ölpreis auf die Verschiebung neuer Strafzölle auf zusätzliche chinesische Waren mit einem massiven Preissprung reagierte, fiel die Reaktion bei den Industriemetallen deutlich verhaltener aus. Der LME Industriemetallindex, der schon seit Juni auf einem eher niedrigen Niveau verharrt, ist gestern um lediglich 1,3% gestiegen und fällt heute wieder. Wir sehen mehrere Erklärungen für diesen nur verhaltenen Optimismus an den Metallmärkten, die eigentlich sehr konjunktursensibel reagieren. Zum einen waren die Metallpreise zuletzt nahezu immun gegen negative Schlagzeilen bezüglich des Handelskonflikts zwischen China und den USA und haben nicht mehr darauf reagiert. Ausserdem heisst aufgeschoben noch lange nicht aufgehoben. Man sieht in der Verschiebung der Strafzölle offensichtlich noch keinen Grund zur Freude. Schliesslich fehlen konkrete Erfolge in den Gesprächen, weshalb auch der chinesische Aktienmarkt kaum auf die Nachricht reagiert hat. Ohne Einigung bleiben die Unsicherheit und eine geringe Investitionsbereitschaft bestehen. Das zeigen auch die jüngsten chinesischen Wirtschaftsdaten für Juli, die allesamt schwächer als erwartet ausgefallen sind. Insbesondere die vielbeachtete Industrieproduktion ist im letzten Monat um lediglich 4,8% gegenüber Vorjahr gestiegen. Das war der geringste Zuwachs seit 17 Jahren oder sogar – von vereinzelten Ausschlägen zu Jahresbeginn abgesehen – seit Anfang der 1990er Jahre. Auch die Einzelhandelsumsätze und Anlageinvestitionen haben enttäuscht. Wir gehen gegenwärtig davon aus, dass die “weichen” Versprechen einer Einigung im Handelsstreit nicht mehr ausreichen werden und nur eine eindeutige Verbesserung der Konjunkturlage in den kommenden Monaten die Metallmärkte aus dem Dornröschenschlaf aufwecken werden.

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