23.07.2019 12:30:47

Alle Blicke am Ölmarkt richten sich nach London

Energie: Die Ölpreise reagierten nach der Festsetzung eines britischen Öltankers durch bewaffnete iranische Einheiten nahe der Strasse von Hormus bislang erstaunlich gelassen. Die Preise stiegen gestern zwischenzeitlich um mehr als 2%, gaben die Gewinne im Tagesverlauf aber teilweise wieder ab. Brent handelt am Morgen bei 63,5 USD je Barrel weiterhin unter dem gestrigen Tageshoch. Gleiches gilt für WTI mit 56,5 USD. Offensichtlich ist eine Mehrheit der Marktteilnehmer davon überzeugt, dass es nicht zu einem offenen Konflikt zwischen dem Westen und dem Iran kommt. Der iranische Aussenminister Sarif hat sich einen Tag vor der Bekanntgabe des neuen britischen Premierministers an London gewandt und versucht zu deeskalieren. Mit Spannung wird nun erwartet, wie der neue britische Regierungschef seine erste grosse Herausforderung im Amt angehen wird. Der als haushoher Favorit geltende ehemalige Aussenminister Boris Johnson hat sich zur aktuellen Eskalation im Tankerstreit mit dem Iran noch nicht geäussert. Aussenminister Jeremy Hunt, der neben Johnson zur Wahl stand, sprach sich für Zurückhaltung im Umgang mit dem Iran aus. Sollte Johnson Härte demonstrieren, könnte dies zu einer Neueinschätzung der Marktteilnehmer führen und die Ölpreise stärker steigen lassen. Die Internationale Energieagentur hat für diesen Fall bereits vorgesorgt. Gestern hiess es in einer Mitteilung, man würde die Entwicklung in der Strasse von Hormus genau beobachten und falls erforderlich zügig handeln, um die Versorgung des Ölmarktes sicherzustellen. Damit ist offensichtlich eine Freigabe der Notfallreserven gemeint. Zuletzt hielten die Staaten der IEA 1,55 Mrd. Barrel Rohöl und Ölprodukte zur Reserve vor. Hinzu kommen 650 Mio. Barrel an industriellen Reserven. Rein theoretisch könnte man damit eine Totalblockade der Strasse von Hormus für ca. 110 Tage abdecken.

Edelmetalle: Gold und die anderen Edelmetalle stehen heute Morgen unter Druck, nachdem sich letzte Nacht die Abgeordneten in den USA im Schuldenstreit geeinigt haben. Die Schuldenobergrenze, die schon im September wieder gegriffen hätte, wird bis zum 31. Juli 2021 ausgesetzt und die Ausgaben werden in den nächsten zwei Jahren erhöht. Die Vereinbarung muss noch vor der Sommerpause vom Repräsentantenhaus und Senat abgesegnet und anschliessend dem US-Präsidenten zur Unterschrift vorgelegt werden. Dies gilt jedoch als Formsache. Im Zuge dieser Meldung ist der Risikoappetit der Marktteilnehmer gestiegen und der US-Dollar hat aufgewertet – EUR-USD notiert unter 1,12 –, was die Edelmetalle belastet. Gold ist daher auf 1.415 USD je Feinunze gefallen, Silber gibt auf 16,3 USD je Feinunze nach, verliert aber weniger als Gold. Gestern hatte US-Präsident Trump via Twitter erneut gegen die Fed geschossen. Offenbar will er die US-Notenbank nächste Woche zu einer Zinssenkung um 50 Basispunkte drängen. Es ist unseres Erachtens aber fraglich, ob sich die Fed diesem Druck beugen wird. Heute dürften die Marktteilnehmer nach London schauen, wo bekannt gegeben wird, wer Nachfolger von Theresa May und damit neuer britischer Premierminister wird. Bislang deutet alles auf den ehemaligen britischen Aussenminister Boris Johnson hin. Er gilt als Hardliner in Sachen Brexit und hatte in den letzten Monaten mehrfach betont, dass Grossbritannien Ende Oktober auch ohne Abkommen aus der EU ausscheiden könne. Gold sollte daher von der Unsicherheit profitieren, ob es einen harten Brexit gibt.

Industriemetalle: Gemäss Daten des International Aluminium Institute (IAI) lag die globale Aluminiumproduktion im Juni mit fast 175 Tsd. Tonnen pro Tag zwar leicht über dem Vormonat, aber deutlich unter dem Vorjahr (-1,7%). Nach IAI-Lesart war dies ausschliesslich der chinesischen Produktion geschuldet, die im Jahresvergleich um 3,1% gefallen ist. Damit setzt das IAI diesmal überraschenderweise eine geringere Produktionsrate für China an als es das Nationale Statistikbüro vor gut einer Woche getan hatte. Letzteres wies eine Rekordproduktion auf Tagesbasis aus. Für gewöhnlich positioniert sich das IAI über den NBS-Daten. Ausserhalb Chinas ist die Aluminiumproduktion leicht gestiegen. Weltweit wurden im ersten Halbjahr 31,6 Mio. Tonnen Aluminium produziert, 0,5% weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Deshalb von einem angespannten Aluminiummarkt zu sprechen, wäre allerdings nicht gerechtfertigt. Unseres Erachtens ist der Markt weiterhin gut versorgt, zumal die Nachfrage Schwächen zeigt. Letzte Woche hat ein grosser US-Aluminiumproduzent zum zweiten Mal innerhalb von drei Monaten seine weltweite Nachfrageprognose reduziert. Er erwartet für dieses Jahr jetzt noch ein Nachfrageplus von 1,25-2,25%. Bis vor kurzem ist die globale Aluminiumnachfrage noch um 4% oder mehr pro Jahr gewachsen. Gründe für die schwächere Nachfragedynamik sind demnach der Handelsstreit zwischen den USA und China sowie die generell schwächere Konjunktur. Aus fundamentaler Sicht sehen wir nur wenig Spielraum für nachhaltig höhere Aluminiumpreise. Sollte sich jedoch eine Lösung im Handelsstreit abzeichnen, dürfte Aluminium wie auch alle anderen Industriemetalle weiter zulegen.

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