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Trotz Insolvenz 29.06.2020 17:57:00

Wirecard-Aktie mehr als verdoppelt: Wirecard will Geschäftstätigkeit fortführen - Ex-Vorstand Marsalek will sich angeblich nicht stellen

Wirecard-Aktie mehr als verdoppelt: Wirecard will Geschäftstätigkeit fortführen - Ex-Vorstand Marsalek will sich angeblich nicht stellen

Der Vorstand sei der Meinung, dass eine Fortführung im besten Interesse der Gläubiger sei, teilte der Bezahldienstleister mit.

Die Prüfung, ob das Insolvenzverfahren eröffnet werde, dauere derweil an. Wirecard geht davon aus, dass kurzfristig ein vorläufiger Insolvenzverwalter für das Unternehmen bestellt werde. Das zuständige Gericht habe in einem ersten Schritt den Münchener Rechtsanwalt Michael Jaffe als Sachverständigen beauftragt.

Es werde laufend geprüft, ob auch Insolvenzanträge für Tochtergesellschaften der Wirecard Gruppe gestellt werden müssen, so das Unternehmen weiter. Konzerngesellschaften mit Ausnahme einer kleinen Entwicklungsniederlassung hätten derzeit keine Insolvenzanträge gestellt.

Die Wirecard Bank sei aktuell nicht Teil des Insolvenzverfahrens. Der Zahlungsverkehr der Wirecard Bank sei nicht betroffen. Auszahlungen an Händler der Wirecard Bank werden laut Unternehmensangaben weiterhin ohne Einschränkungen ausgeführt.

Die Wirecard Card Solutions Limited mit Sitz in Newcastle habe aufgrund einer Anordnung der zuständigen Aufsichtsbehörde, Financial Conduct Authority, ihre Geschäfte unterbrochen. Das Unternehmen habe Massnahmen mit den Behörden diskutiert. Diese würden es hoffentlich ermöglichen, den Betrieb fortzusetzen.

Deutsche Behörden prüften Wirecard mit nur einem Mitarbeiter

Die deutsche Finanzaufsichtsbehörde Bafin hat einem Zeitungsbericht zufolge über Monate hinweg nur einen Mitarbeiter mit der Prüfung der Betrugsvorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister Wirecard beauftragt. Dies berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS).

Obwohl es seit Anfang 2019 einen konkreten Verdacht auf Bilanzmanipulationen bei dem deutschen Konzern gegeben und der Fall immer weitere Kreise gezogen habe, sei "im Wesentlichen nur ein einzelner Mitarbeiter" mit der komplexen Prüfung betraut gewesen, hiess es. Private Wirtschaftsprüfungsgesellschaften setzten dagegen bei ähnlich schwierigen Fällen in Grossunternehmen nicht selten Dutzende von Bilanzierungsfachleuten ein.

Die Bafin sah nach Informationen des Blatts bereits im Februar 2019 im Rahmen der Wertpapieraufsicht Anlass, den Vorwürfen gegen Wirecard nachzugehen. Doch nach geltendem Recht habe sie mit dieser Untersuchung die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) beauftragen müssen. Diese habe aber nur wenig Personal und stellte deshalb lediglich einen Mitarbeiter für die Untersuchung ab.

Deutsche Bundesregierung kündigt der DPR wegen Wirecard-Versäumnissen

Infolge des Bilanzskandals um den Finanzdienstleister Wirecard will die Bundesregierung unterdessen den Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen. Darauf hätten sich das Finanzministerium und das Justizministerium geeinigt, erklärte ein Sprecher des Justizressorts in Berlin. "Die Kündigung wird gegenwärtig vorbereitet." Ziel sei ein effizientes Bilanzkontrollverfahren, "um einen funktionsfähigen und transparenten Kapitalmarkt zu gewährleisten". Hier werde derzeit "das Ausmass des Reformbedarfs" analysiert.

Hintergrund ist das Versagen der Aufsicht über Wirecard, für die die DPR zuständig war.

EU lässt prüfen

Bafin und DPR bestätigten laut FAS, dass die Sonderprüfung im Februar 2019 veranlasst worden sei, nannten aber keine weiteren Einzelheiten. Ein Ergebnis der Sonderprüfung durch die Finanzaufsicht liegt demnach bis heute nicht vor.

Die fragwürdige Aufgabenteilung zwischen Bafin und DPR stehe auch im Zentrum der Kritik von Seiten der EU-Kommission an Deutschland im Fall Wirecard, berichtete das Blatt weiter. Die EU lässt mittlerweile die Rolle der deutschen Finanzaufseher in dem Bilanzskandal von der europäischen Wertpapieraufsichtsbehörde Esma überprüfen.

Wirecard hat diese Woche Insolvenz angemeldet, nachdem das Unternehmen eingestehen musste, dass in der Bilanz aufgeführte Barmittel von 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf asiatischen Bankkonten lagen, nicht auffindbar seien. Bafin-Präsident Felix Hufeld bezeichnete die Ereignisse als eine "Schande" für Deutschland.

Ex-Wirecard-Vorstand Marsalek will sich angeblich nicht stellen

Das frühere Wirecard-Vorstandsmitglied Jan Marsalek will sich einem Bericht zufolge nicht der Justiz stellen. Wie die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR unter Berufung auf Kreise der Prozessbeteiligten berichten, will er anders als vergangene Woche angekündigt nicht nach München kommen, um sich vernehmen zu lassen.

Marsaleks Aufenthaltsort ist derzeit nicht bekannt. Möglicherweise hält er sich aktuell in China auf. Der philippinische Justizminister Menardo Guevarra sagte am Freitag, Marsalek sei am Dienstag auf die Philippinen eingereist und habe das Land am Mittwochmorgen Richtung China wieder verlassen.

Die zuständige Staatsanwaltschaft München I wollte sich zu dem Bericht nicht äussern. "Zu möglichen weiteren Beschuldigten und geplanten Ermittlungsmassnahmen in unserem Ermittlungsverfahren in Sachen Wirecard, insbesondere möglichen Haftbefehlen und ihrem Vollzug, werden wir uns wie immer und so auch in diesem Fall nicht vorab äussern", schrieb die Staatsanwaltschaft auf Anfrage von Dow Jones Newswires. Marsaleks Verteidiger lehnte gegenüber der Süddeutschen ebenfalls eine Stellungnahme ab.

Marsalek wurde als Wirecard-Vorstand gefeuert, nachdem mögliche Luftbuchungen in der Wirecard-Bilanz über 1,9 Milliarden Euro ans Licht gekommen waren. Wirecard musste einräumen, dass Guthaben bei zwei philippinischen Banken womöglich gar nicht existieren. Das Unternehmen musste vergangene Woche Insolvenz anmelden.

Wirecard jetzt offiziell unter vorläufiger Insolvenzverwaltung

des Weiteren steht Wirecard nun offiziell unter Kontrolle des Rechtsanwalts Michael Jaffé als vorläufigem Insolvenzverwalter. Das ordnete das Amtsgericht München am Montag nach dem am vergangenen Donnerstag eingereichten Insolvenzantrag des Unternehmens an. Jaffé ist einer der bekanntesten Insolvenzverwalter Deutschlands. Eine konkrete Folge für das Unternehmen ist, dass nun der Anwalt die Entscheidungshoheit über Finanzen und Unternehmenskasse hat.

Im XETRA-Handel legte die Wirecard-Aktie am Montag um 154,49 Prozent auf 3,26 Euro zu.

Dow Jones Newswires und awp

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Bildquelle: Wirecard,CHRISTOF STACHE/AFP/Getty Images