| 360° Finanzen |
21.08.2026 11:16:19
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Vom Wetterrisiko zum Kreditrisiko: Europas Dürre erreicht die Unternehmen
Kolumne
Europas Dürre verschärft sich, doch an den Kreditmärkten ist davon bislang wenig zu sehen. Mit den Ergebnissen des dritten Quartals dürfte sich zeigen, welche Unternehmen die Folgen von Niedrigwasser, steigenden Kosten und Ernteausfällen tatsächlich zu spüren bekommen.
Während die Märkte die Situation bislang eher als Wetter- denn als Kreditmarktthema betrachten, spricht das Ausmass der Beeinträchtigungen für eine andere Einschätzung. Über den Rhein werden jährlich rund 280 Millionen Tonnen Fracht transportiert. Damit ist er nach den offenen Seewegen Europas wichtigster Logistikkorridor.3
Nach Schätzungen des Kiel Instituts kostet eine anhaltende 30-tägige Beeinträchtigung bei Wasserständen von unter 78 Zentimetern rund ein Prozent der Industrieproduktion.4 Das könnte einem Effekt von etwa 0,25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entsprechen - zu einem Zeitpunkt, an dem das deutsche Wachstum ohnehin mit strukturellem Gegenwind konfrontiert ist.
Dürre allein bewegt die Kreditmärkte selten
Die Erfahrungen aus früheren Dürreperioden zeigen allerdings auch: Niedrigwasser und Hitze führen nicht automatisch zu einer deutlichen Verschlechterung der Kreditqualität. Die Dürre von 2018 setzte den modernen Referenzwert für Niedrigwasser am Rhein und ging mit messbaren Produktionsrückgängen in der Chemie- und Bergbauindustrie einher. Die europäische Hitze- und Dürreperiode von 2022, die als die schlimmste seit mindestens 500 Jahren gilt, wurde zusätzlich durch die Energiekrise verschärft. Sie führte zu weitreichenden Ernteausfällen in Frankreich, Deutschland und Südeuropa.5
Die Lehre daraus ist klar: Eine Dürre allein führt nur selten zu einem erheblich schlechteren Kreditergebnis. Vielmehr verstärkt sie bereits bestehenden Stress.
Genau diese Dynamik rückt nun erneut in den Vordergrund. Das deutsche Wachstum steht unter strukturellem Druck, während gleichzeitig der Inflationsdruck bei Nahrungsmitteln zunimmt. Entscheidend ist deshalb weniger die Dürre als isoliertes Ereignis als vielmehr die Frage, auf welche Unternehmen und Geschäftsmodelle sie trifft.
Die Kreditmärkte differenzieren bislang kaum
Genau diese Unterschiede spiegeln sich in den Bewertungen derzeit noch nicht ausreichend wider. Der Markt unterscheidet bislang kaum zwischen Emittenten mit einer wesentlichen Dürreexponierung und solchen, die deutlich weniger betroffen sind. Das deutet darauf hin, dass die Credit Spreads die Unterschiede, die mit den kommenden Geschäftszahlen deutlicher hervortreten dürften, noch nicht vollständig einpreisen. Ein stark von Wasserkraft abhängiger Versorger ist von einer länger anhaltenden Dürre beispielsweise wesentlich stärker betroffen als ein diversifizierter Wettbewerber mit einem hohen Anteil an Gaskraftwerken. In den aktuellen Bewertungen ist diese Differenzierung bislang jedoch kaum sichtbar.
Nach einer überraschend robusten Berichtssaison für das zweite Quartal ist dies nachvollziehbar. Die Ergebnisse für das dritte Quartal dürften nun erstmals belastbare Hinweise darauf liefern, wie stark Margen und operative Ergebnisse tatsächlich betroffen sind. Damit könnte auch die Spreaddifferenzierung innerhalb einzelner Sektoren zunehmen.
Versorger: Gewinner und Verlierer liegen nah beieinander
Besonders deutlich zeigt sich dies bei Versorgern. Stromerzeuger mit einem hohen Anteil an Wasser- und Kernkraft stehen vor operativen Herausforderungen. Niedrige Wasserstände können nicht nur die Stromproduktion aus Wasserkraft beeinträchtigen, sondern auch die Kühlung von Kernkraftwerken erschweren. Gas- und konventionelle Wärmekraftwerke können dagegen von höheren Strompreisen profitieren, die typischerweise mit einem Rückgang der Wasserkrafterzeugung einhergehen.
Damit verläuft die Trennlinie nicht zwischen dem Versorgungssektor und dem übrigen Markt, sondern innerhalb des Sektors selbst. Diversifizierte Versorger dürften gegenüber reinen Wasser- oder Kernkraftanbietern insbesondere in Mittel- und Osteuropa, Österreich und Südeuropa besser positioniert sein.
Chemie: Der Rhein bleibt ein logistisches Nadelöhr
Auch Chemieunternehmen sind unmittelbar betroffen. Für Teile der Branche ist der Rhein ein zentraler Transportweg für Rohstoffe und Vorprodukte. Bislang konnten viele Unternehmen die Einschränkungen durch alternative Logistiklösungen auffangen. Diese Möglichkeiten haben jedoch Grenzen. Bei petrochemischen Produzenten, die besonders stark vom Transport per Binnenschiff abhängig sind, besteht bei einer weiteren Verschärfung weiterhin das Risiko von Produktionsunterbrechungen oder höherer Gewalt. Hinzu kommt, dass die Dürre nicht auf einen unbelasteten Sektor trifft. Die europäische Chemieindustrie kämpft bereits mit Überkapazitäten und einer schwachen Nachfrage. Genau hier zeigt sich der Verstärkungseffekt der Dürre besonders deutlich.
Industrie: Belastung ja, systemisches Risiko nein
Für Industrieunternehmen ist die Situation ähnlich differenziert. Rund sieben Prozent des deutschen Güterverkehrs werden über Binnenwasserstrassen abgewickelt.6 Die Beeinträchtigungen sind damit wirtschaftlich relevant, betreffen aber keineswegs die gesamte deutsche Industrie gleichermassen.
Besonders exponiert sind Unternehmen, die sowohl auf schwere Massengüter als auch auf energie- und transportintensive Produktionsprozesse angewiesen sind. Stahl- und Zementhersteller etwa sehen sich gleichzeitig mit logistischen Engpässen und steigenden Inputkosten konfrontiert.
Auch hier kommt es deshalb weniger auf die Sektorzugehörigkeit allein an als auf die konkreten Lieferketten und Transportalternativen eines Unternehmens.
Nahrungsmittel: Die Belastung entsteht auf dem Feld
Bei Nahrungsmittel- und Getränkeunternehmen liegt das Hauptrisiko dagegen weniger im Transport als in der Landwirtschaft. Für die französische Maisernte wird ein Rückgang um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr prognostiziert - der stärkste Einbruch seit Jahrzehnten. Auch in anderen europäischen Agrarregionen wächst der Druck, unter anderem bei Kartoffeln in den Niederlanden.7
Für Unternehmen können daraus steigende Beschaffungskosten entstehen. Wie stark diese auf die Margen durchschlagen, hängt jedoch wesentlich vom jeweiligen Geschäftsmodell ab. Unternehmen mit diversifizierten Beschaffungsquellen und hoher Preissetzungsmacht dürften den Kostendruck besser auffangen können als kleinere, geografisch stärker konzentrierte Anbieter.
Selektivität wird wichtiger
Für Anleger liegt die entscheidende Konsequenz deshalb nicht darin, ganze Sektoren aufgrund der Dürre zu meiden. Engpässe im Güterverkehr und eine durch Lebensmittelpreise getriebene Inflation sprechen zwar für eine vorsichtigere Duration-Positionierung bei auf Euro lautenden Investment-Grade-Unternehmensanleihen, insbesondere bei länger laufenden Papieren aus den betroffenen Sektoren. Innerhalb dieser Bereiche dürfte die Auswahl einzelner Emittenten jedoch wichtiger sein als eine pauschale Untergewichtung.
Unternehmen mit einem diversifizierten Erzeugungsmix, alternativen Logistikmöglichkeiten oder hoher Preissetzungsmacht sollten besser in der Lage sein, die Belastungen zu absorbieren. Die kommenden Quartalsergebnisse dürften deutlicher zeigen, welche Unternehmen widerstandsfähig sind und wo die Dürre bereits auf Margen und operative Ergebnisse durchschlägt.
Die Dürre selbst kann sich mit ausreichenden Niederschlägen wieder entspannen. Die daraus entstehende Neubewertung der unterschiedlichen Kreditrisiken innerhalb der betroffenen Sektoren dürfte jedoch länger Bestand haben.
Autorin: Laura Cooper, Head of Macro Credit und Global Investment Strategist bei Nuveen
Quellen:
1 Federal Waterways and Shipping Administration, Stand 15. August 2026
2 Bloomberg, 11. August 2026
3 Central Commission for the Navigation of the Rhine, Annual Report, April 2026
4 Kiel Institute, German Economic Review 2023
5 European Commission, Global Drought Observatory, August 2022
6 Central Commission for the Navigation of the Rhine, Annual Report, April 2026
7 AGPM (Association Générale des Producteurs de Maïs), 14. August 2026
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