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Rettung gescheitert 23.09.2019 17:54:00

Thomas Cook beantragt Insolvenz - Gewerkschaft macht Regierung verantwortlich - Aktie ausgesetzt

Thomas Cook beantragt Insolvenz - Gewerkschaft macht Regierung verantwortlich - Aktie ausgesetzt

Ein entsprechender Insolvenzantrag vor Gericht sei bereits gestellt worden, teilte der zweitgrösste Reisekonzern Europas am Montagmorgen auf seiner Website mit. Der Flugbetrieb wurde in Grossbritannien mit sofortiger Wirkung eingestellt, teilte die britische Luftfahrtbehörde CAA mit. Konzernchef Peter Fankhauser bedauerte das Scheitern der Gespräche und sprach in der Erklärung von einem "tief traurigen Tag" für den Konzern. Noch bis Sonntagabend hatte der britische Konzern mit Investoren über eine zusätzliche Finanzierung in Höhe von 200 Millionen Pfund (226 Mio Euro) verhandelt. Thomas Cook-Chef Peter Fankhauser bezeichnete das Scheitern der Bemühungen als "verheerend". Der chinesische Mehrheitseigner Fosun äusserte sich "enttäuscht" über den Insolvenzantrag des Reiseveranstalters. Der Konzern hat rund 21'000 Mitarbeiter weltweit.

Reisende aus Grossbritannien sitzen im Ausland fest und sollen zurückgeholt werden. Die Hiobsbotschaft trifft auch Urlauber aus Deutschland, die nicht wie geplant am Montag in die Ferien starten konnten. Die deutsche Tochter mit den Marken Thomas Cook, Neckermann, Öger Tours, Air Marin und Bucher Reisen stoppte zudem den Verkauf von Reisen.

Mit der deutschen Thomas Cook sind nach Unternehmensangaben derzeit 140'000 Gäste unterwegs. Am Montag und Dienstag sollten 21'000 Menschen in ihren Urlaub abreisen. Die deutsche Thomas Cook GmbH erklärte, man könne nicht gewährleisten, dass gebuchte Reisen mit Abreisedatum 23. und 24. September stattfinden. Der zum Konzern gehörende Ferienflieger Condor darf betroffene Urlauber daher nicht mehr an ihr Ziel bringen. Reisende, die planmässig nach Hause fliegen wollten und über die deutsche Thomas-Cook gebucht hatten, werden von der Airline befördert.

An Condor-Schaltern bildeten sich teilweise lange Schlangen. "Warum fliegen wir nicht?", sagte der Kölner Dieter Lenzen, der mit seiner Partnerin von Düsseldorf nach Fuerteventura wollte. "Wir wurden aus der Schlange gezogen. Wir fliegen nicht. Heute und morgen auf keinen Fall. Das war's mit dem Urlaub."

Nach Angaben der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen (ADV) waren Passagiere an den grösseren Airports Frankfurt, Düsseldorf, Hannover, Hamburg, Leipzig, München und Stuttgart betroffen. An allen Standorten seien die Flughäfen in Gesprächen mit Reiseveranstaltern und Condor selbst, um die Auswirkungen so gering wie möglich zu halten.

Condor hielt den Flugbetrieb bis auf weiteres planmässig aufrecht. Die Fluggesellschaft beantragte von der Bundesregierung einen staatlich verbürgten Überbrückungskredit, um "Liquiditätsengpässe" zu verhindern. Dabei soll es sich um rund 200 Millionen Euro handeln, wie die Deutsche Presse-Agentur aus Regierungskreisen erfuhr. Die Bundesregierung arbeitet nach Angaben des Wirtschaftsministeriums mit Hochdruck daran, den gewünschten Überbrückungskredit zu prüfen.

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit forderte, es müsse alles getan werden, um die Arbeitsplätze bei Condor zu sichern. "Die deutsche Tochter der Thomas Cook ist seit langem eine profitable Airline."

Die Bundesregierung erklärte über Twitter, sie verfolge die Lage aufmerksam. Zugleich betonte sie, "Thomas Cook Deutschland und Condor operieren derzeit weiter und führen weiterhin Rückflüge durch."

Das Auswärtige Amt sagte möglicherweise im Ausland gestrandeten deutschen Urlaubern Unterstützung zu. Angesichts der unterschiedlichen Rechtslage in Deutschland gebe es aber keine "Aktion Matterhorn" wie in Grossbritannien. Die britische Regierung hatte betont, im Zuge dieser Aktion würden Touristen ungeachtet ihrer Nationalität ausgeflogen, falls sie eine Reise mit Ziel Grossbritannien gebucht hätten.

Die deutsche Thomas Cook lotet nach eigenen Angaben derzeit letzte Optionen aus. "Sollten diese scheitern, sieht sich die Geschäftsführung gezwungen, für die Thomas Cook GmbH, Thomas Cook Touristik GmbH, die Bucher Reisen & Öger Tours GmbH und möglicherweise auch weitere Gesellschaften Insolvenzantrag zu stellen", teilte das Unternehmen in Oberursel bei Frankfurt mit. Das Unternehmen beschäftigt nach eigenen Angaben 2000 Menschen. Der Clubreise-Anbieter Aldiana, an dem Thomas Cook eine Minderheit hält, ist nach eigenen Angaben nicht von der Insolvenz betroffen.

Verbraucherschützer bezweifelten, dass alle Urlauber nach der Pleite des britischen Reisekonzerns komplett abgesichert sind. Ob die verpflichtende Versicherung von 110 Millionen Euro pro Jahr bei der Insolvenz eines Branchenschwergewichts ausreiche, sei nicht klar, teilte der Verbraucherzentrale Bundesverband mit. Bei allen deutschen Veranstaltermarken des Konzerns stehe für diesen Fall der Versicherer Zurich im Reisepreissicherungsschein, hiess es von Thomas Cook.

Thomas Cook war in den vergangenen Jahren immer wieder in Schieflage geraten. Bereits im Jahr 2012 retteten mehrere Banken den Konzern mit frischem Geld nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Der jüngste Preiskampf im Reise- und Fluggeschäft kam erschwerend hinzu, ebenso anhaltende Unsicherheit rund um den Brexit, die die Urlaubsfreude der britischen Kundschaft dämpfte. Grossbritannien ist neben Deutschland der wichtigste Absatzmarkt für Thomas Cook.

Um dringend benötigtes Geld zu bekommen, hatte der Konzern im Februar sogar seine Fluggesellschaften samt Condor zum Verkauf gestellt. Im Juli blies er das Vorhaben wieder ab und präsentierte stattdessen einen umfangreichen Rettungsplan mit Investoren - der nun scheiterte.

Das Sommerhalbjahr bis Ende September werde deutlich schwächer als 2018, hatte Konzernchef Fankhauser schon Mitte Juli erklärt - und die Vorlage der Quartalszahlen abgeblasen.

Folgen für beliebte Urlaubsregionen

Die Pleite hat auch Folgen für beliebte Urlaubsregionen. In Griechenland sind etwa 50'000 Thomas-Cook-Urlauber gestrandet. Die ersten 15 Flugzeuge für die Betroffenen seien organisiert, teilte das griechische Tourismusministerium mit. In den kommenden drei Tagen sollen demnach rund 22'000 Touristen zurückgeholt werden.

Sorgen bereiten den Hoteliers in Griechenland aber auch in Zypern vor allem die noch ausstehenden Zahlungen des Konzerns. "Es wird unvermeidlich zu Ausfällen kommen", sagte Tourismusminister Charis Theocharis dem griechischen Fernsehsender Skai. Zyprische Medien gehen davon aus, dass sich der Schaden für örtliche Hoteliers auf bis zu 50 Millionen Euro belaufen könnte.

Auf Zypern waren nach Angaben des stellvertretenden zyprischen Tourismusministers Savvas Perdios 15'000 Touristen betroffen. Auch Zehntausende Skandinavier traf die Pleite. Insgesamt befänden sich 34'460 Kunden an verschiedenen Reisezielen, teilte der Reiseanbieter Ving, eine Thomas-Cook-Tochter, mit.

Johnson sichert Thomas Cook-Urlaubern Regierungshilfe zu

Der britische Premierminister Boris Johnson hat den gestrandeten Urlaubern des insolventen Reiseveranstalters Thomas Cook die Hilfe seiner Regierung versprochen. "Wir werden unser Bestes tun, um sie nach Hause zu holen. Es wird Pläne dafür geben, wenn es notwendig wird", sagte Johnson.

Er äusserte sich der Nachrichtenagentur PA zufolge in der Nacht zum Montag noch vor der Einstellung des Unternehmensbetriebs an Bord einer Regierungsmaschine auf dem Weg nach New York. "Der Staat muss auf die eine oder andere Weise eingreifen, um gestrandeten Urlaubern zu helfen."

Nach Angaben der britischen zivilen Luftfahrtbehörde sind 150'000 britische Touristen im Ausland von dem Aus betroffen. "Es ist eine sehr schwierige Situation, und natürlich sind unsere Gedanken bei den Kunden von Thomas Cook, den Urlaubern, die Schwierigkeiten haben könnten, nach Hause zu kommen", sagte Johnson.

Gewerkschaft macht Regierung für Thomas-Cook-Pleite verantwortlich

Die britische Transportgewerkschaft TSSA hat die Regierung in London für die Pleite des britischen Reisekonzerns Thomas Cook verantwortlich gemacht. "Die Regierung hatte viele Möglichkeiten, Thomas Cook zu helfen, hat sich aber für das ideologische Dogma entschieden, anstatt Tausende Jobs zu retten", sagte Gewerkschaftschef Manuel Cortes einer Mitteilung vom Montag zufolge. "Dass sie (die Regierung) unsere Mitglieder lieber hängen lassen als Thomas Cook zu retten, ist beschämend und falsch."

Der britische Verkehrsminister Grant Shapps verteidigte die Entscheidung der Regierung, den Reisekonzern nicht mit einer grossen Finanzspritze vor der Pleite zu retten. "Ich fürchte, das hätte sie nur für eine sehr kurze Zeit über Wasser gehalten", sagte Shapps der BBC. Das Unternehmen habe grundlegende Probleme in Zeiten, in denen immer mehr Menschen ihre Reisen online buchen. Sowohl die Opposition als auch Gewerkschaften kritisierten die Regierung.

Das Unternehmen hatte die Regierung nach Angaben von Premierminister Boris Johnson um eine Finanzierungshilfe über 150 Millionen Pfund (knapp 170 Mio Euro) gebeten. Andere Quellen, die sich auf Regierungsangaben beriefen, gingen von 250 Millionen Pfund aus. Die britische Transportgewerkschaft TSSA machte die Regierung dafür verantwortlich, dass die weltweit 21'000 Mitarbeiter, davon 9'000 in Grossbritannien, ihre Jobs verlieren.

Thomas Cook war in den vergangenen Jahren immer wieder in Schieflage geraten. Bereits im Jahr 2012 retteten mehrere Banken den Konzern mit frischem Geld nach immensen Abschreibungen auf das britische Geschäft und IT-Systeme. Auch dadurch sitzt Thomas Cook auf einem Schuldenberg in Milliardenhöhe und ächzt unter der hohen Zinslast. Der jüngste Preiskampf im Reise- und Fluggeschäft kam erschwerend hinzu, ebenso anhaltende Unsicherheit rund um den Brexit, die die Urlaubsfreude der britischen Kundschaft dämpft.

Chinesischer Grossaktionär 'enttäuscht' über Kollaps von Thomas Cook

Der chinesische Mehrheitseigner Fosun International, der Thomas Cook retten wollte, hat sich "enttäuscht" über den Insolvenzantrag des britischen Reiseveranstalters geäussert. Nach den gescheiterten Verhandlungen hiess es am Montag in einer Mitteilung, die auf der Webseite von Tencent Finance veröffentlicht wurde: "Fosun Travel ist enttäuscht, dass die Thomas Cook-Gruppe nicht in der Lage war, eine praktikable Lösung für ihre vorgeschlagene Rekapitalisierung mit anderen Partnern, wichtigen Kreditgebern, führenden Investoren und zusätzlich beteiligten Parteien zu finden."

Der chinesische Grossaktionär hatte eigentlich über seine in Hongkong gelistete Touristiktochter Fosun Travel (Foliday) in Thomas Cook investieren und seinen Mehrheitsanteil von 18 Prozent ausbauen wollen, was praktisch auf eine Übernahme herausgelaufen wäre. Fosun wollte nach den im August berichteten Überlegungen 25 Prozent des Reiseveranstalters und 75 Prozent des Airline-Geschäfts übernehmen.

An der Spitze des privaten Mischkonzerns steht der Milliardär Guo Guangchang, der in Anlehnung an den berühmten US-Investor gerne als "Chinas Warren Buffett" beschrieben wird. Die Firma hatten er und vier andere Studenten der Shanghaier Fudan Universität 1992 gegründet. Ihren Aufstieg verdankten sie anfangs Investitionen in Pharmazieunternehmen. Seit 2007 ist der Investmentarm Fosun International an der Börse in Hongkong gelistet.

Fosun hat heute in Immobilien, Stahlunternehmen, Versicherungen, die französische Modemarke Lanvin, die griechische Juwelierkette Folli Follie, das Touristik-Unternehmen Club Med und den Zirkus Cirque du Soleil investiert. Die Gruppe wirbt für sich als "familienorientiert" und teilt ihre Geschäftsbereiche in "Gesundheit", "Glück" und "Wohlstand" ein. Der Umsatz von Fosun International stieg im ersten Halbjahr 2019 unerwartet stark um 57 Prozent auf 65,5 Milliarden Yuan, umgerechnet 8,3 Milliarden Euro. Der Nettogewinn wuchs um elf Prozent auf 7,6 Milliarden Yuan, umgerechnet 937 Millionen Euro.

Die Anteilsscheine des Touristikkonzerns wurde vom Handel ausgesetzt. Zuletzt schlossen die Papiere am Freitag, den 20. September, 21,57 Prozent im Minus bei 0,0345 GBP.

/stw/tos/cha

LONDON / FRANKFURT (awp international)

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Bildquelle: Thomas Cook