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360° Finanzen 28.04.2026 15:15:35

Nachrangige Bankanleihen: Starke Fundamentaldaten, aber Vorsicht vor Volatilität

Kolumne

Geopolitische Spannungen und Ausfälle bei privaten Krediten schüren Sorgen um europäische Banken. GAM Investments hält die Fundamentaldaten für solide - warnt aber vor engem Bewertungsniveau bei AT1-Anleihen.

Die Auswirkungen des Nah-Ost-Konflikts auf den europäischen Bankensektor sind begrenzt. Nach Angaben der Europäischen Bankenaufsichtsbehörde (EBA) liegt das direkte Kreditvolumen der EU-Banken in der Region bei unter 0.5 Prozent ihrer gesamten Vermögenswerte - ein vernachlässigbarer Wert. Selbst bei den am stärksten exponierten Instituten bleibt das Risiko gering: Das Nahost-Engagement der HSBC beläuft sich auf rund zwei Prozent des Gesamtengagements, bei Standard Chartered machen die Vereinigten Arabischen Emirate etwa zwei Prozent der Bilanzsumme aus.

Private Kredite: Einzelfälle trüben das Gesamtbild

Stärker im Fokus der Investoren stehen derzeit private Kredite. Mehrere hochkarätige Ausfälle - darunter Tricolor, ein Nichtbanken-Finanzinstitut, das Subprime-Autokredite vergab - haben Bedenken ausgelöst. Hinzu kommen zunehmende Ausfälle im Bereich privater Kredite, insbesondere im Software-Sektor, wo der KI-bedingte Strukturwandel Druck erzeugt. Einige börsennotierte Vehikel verzeichneten erhebliche Kursverluste, andere schränkten Rücknahmen ein.

Für Banken bleibt die Beteiligung an privaten Krediten jedoch überschaubar - sektorweit liegt sie bei rund drei Prozent der gesamten Kreditvergabe. Eine Auswertung von zehn grossen europäischen Banken zeigt, dass die Spanne von null bis fünf Prozent reicht.

Als konkretes Beispiel dient die Deutsche Bank: Sie wies per Ende 2025 ein Engagement in privaten Krediten von 25.9 Milliarden Euro aus - rund fünf Prozent ihrer gesamten Kreditvergabe. Dem stehen jedoch zehn Milliarden Euro an überschüssigem Kapital und ein geschätzter Ertragspuffer von 13 Milliarden Euro für den Zeitraum 2026 bis 2028 gegenüber. Selbst bei einer Ausfallquote von 25 Prozent und minimalen Rückflüssen entspräche der Verlust weniger als zwei Quartalsgewinnen der Deutschen Bank - kein Bonitätsproblem, sondern allenfalls ein Ertragsthema.

Rekordkapitalpuffer stützen die Anleihe¬gläubiger

Auch für indirekte Zweitrundeneffekte - etwa steigende Kreditausfälle durch schwächeres Wirtschaftswachstum oder höhere Inflation - ist der Sektor gut gerüstet. EU-Banken verfügen laut Europäischer Zentralbank über mehr als 500 Milliarden Euro an überschüssigem Kapital. Die Rentabilität des Sektors ist stark, was die Puffer zusätzlich stützt.

Als Illustration dient die HSBC: Die Bank dürfte im Zeitraum 2026 bis 2028 einen durchschnittlichen Jahresgewinn vor Rückstellungen von rund 45 Milliarden US-Dollar erzielen - das entspricht 4.1 Prozent des Kreditvolumens. Im schlimmsten Jahr der Finanzkrise 2008 erreichten die Kreditausfälle der HSBC lediglich 2.7 Prozent; während der Covid-19-Pandemie 2020 lagen sie unter einem Prozent. Der Sektor startet demnach aus einer klar stärkeren Position als in früheren Krisen.

AT1-Anleihen: Bewertungen lassen kaum Spielraum für Fehler

Trotz gesunder Bankbilanzen ist Vorsicht angebracht - nicht wegen der Kreditqualität, sondern weil nachrangige Bankanleihen derzeit zu teuer bewertet sind. AT1-CoCo-Anleihen (Additional Tier 1 Contingent Convertibles) erzielen derzeit einen Risikoaufschlag von rund 2.75 Prozent. Das liegt deutlich unter dem Zehnjahres-Durchschnitt von 4.2 Prozent. In früheren Stressphasen - Covid-19, der russische Einmarsch in die Ukraine, der Zins- und Inflationsschock 2022 sowie die Banken-Minikrise 2023 - weiteten sich die Risikoaufschläge auf sechs bis acht Prozent aus.

Dazu kommt ein weiteres Problem: Der Renditeaufschlag von AT1-Anleihen gegenüber Tier-2-Anleihen beträgt derzeit weniger als 1.5 Prozent - deutlich unter dem langfristigen Durchschnitt. Gleichzeitig ist das Volatilitätsprofil von AT1-Anleihen erheblich ungünstiger: In früheren Stressphasen verzeichneten sie im Durchschnitt fast dreimal so hohe Kursverluste wie Tier-2-Anleihen. Anleger werden für dieses Risiko derzeit also kaum entschädigt.

Aktives Management als Schlüssel im aktuellen Umfeld

Vor diesem Hintergrund empfiehlt sich Zurückhaltung bei AT1-Anleihen - und stattdessen ein Fokus auf weniger riskante Tier-2-Anleihen, die im Krisenfall besser geschützt sind. So lassen sich die starken Fundamentaldaten des Sektors nutzen, ohne das volle Kursrisiko zu tragen. Gleichzeitig gilt: Ein ausgeprägtes Risikoaversion-Szenario könnte einen attraktiven Einstiegspunkt in AT1-CoCos schaffen - mit erheblichem Aufwärtspotenzial bei einer anschliessenden Marktstabilisierung. Entscheidend bleibt dabei aktives Management: Es geht darum, die Chancen zu nutzen, wenn sich die Bewertungen normalisieren, ohne in der Zwischenzeit unnötige Volatilität einzugehen.

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Zum Autor

Romain Miginiac stiess im September 2018 zu Atlanticomnium, wo er die Strategien GAM Sustainable Climate Bond und GAM Credit Opportunities als Co-Manager verantwortet. Zuvor war er bei Aberdeen Standard Investments tätig, zuletzt als Kreditanalyst mit Fokus auf europäische Finanzinstitute. Weitere Stationen seiner Karriere führten ihn zu KPMG im Bereich Wirtschaftsprüfung sowie zu UBS im Wealth Management.

Romain Miginiac schloss sein Studium mit einem Bachelor-Abschluss in Ökonomie an der Universität Genf sowie einem Master in Finance der ESADE Business School ab. Er ist CFA® Charterholder und hat das Certificate in ESG Investing des CFA UK erfolgreich abgelegt.

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