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10.07.2026 13:07:35
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Europäische Aktien sind mehr als ein Makrothema
Kolumne
Viele Anleger sehen europäische Aktien noch als reine Wette auf die Eurozonen-Konjunktur. Dabei bieten sie heute Zugang zu global tätigen Unternehmen und strukturellen Wachstumsthemen weit über Europa hinaus.
Auch aus Bewertungssicht bleiben europäische Aktien im Vergleich zu US-Aktien in vielen Sektoren weiterhin attraktiv. Hinzu kommt eine geringere Marktkonzentration. Während der US-Markt stark von wenigen grossen Unternehmen geprägt ist, verteilt sich der europäische Markt breiter über Sektoren und Geschäftsmodelle. Das könne Anlegern helfen, unterschiedliche Renditequellen im Portfolio zu erschliessen.
Gesundheitswesen als defensives Wachstumsthema
Besonders interessant erscheint das europäische Gesundheitswesen. Der Sektor verbindet defensive Eigenschaften mit Innovationspotenzial. Fortschritte in Bereichen wie Onkologie, Immunologie, Genomik und Wirkstoffentwicklung können langfristiges Wachstum ermöglichen. Gleichzeitig stützen strukturelle Trends wie eine alternde Bevölkerung und steigende Gesundheitsausgaben die Nachfrage.
Auch der Einsatz künstlicher Intelligenz in der Medikamentenentwicklung könnte sich als möglicher Beschleuniger erweisen. Wenn neue Technologien die Erfolgswahrscheinlichkeit in der Entwicklung auch nur moderat erhöhen, kann dies erhebliche Auswirkungen auf Produktpipelines und künftige Erträge haben. Gesundheit bietet Anlegern damit nicht nur Stabilität. Der Sektor kann auch eine Quelle langfristiger Innovation und Wertschöpfung sein.
Industrie profitiert von strukturellem Wandel
Ein weiteres Thema ist die Erneuerung der europäischen Industriebasis. Höhere Investitionen in Verteidigung, Energieversorgungssicherheit, Stromnetze, Automatisierung und Lieferkettenumbau können über mehrere Jahre Nachfrage schaffen. Anders als kurzfristige staatliche Ausgabenprogramme haben diese Trends einen strukturellen Charakter.
Europa hat über viele Jahre zu wenig in Verteidigung und strategische Autonomie investiert. Inzwischen hat sich dieser Trend jedoch verändert. Steigende Verteidigungsausgaben können nicht nur einzelnen Rüstungsunternehmen zugutekommen, sondern auch breitere industrielle Wertschöpfungsketten stärken. Dazu zählen fortschrittliche Fertigung, Infrastruktur, Energieeffizienz, Datenzentren und Cybersicherheit.
Die industrielle Erneuerung Europas ist damit kein kurzfristiges Stimmungsthema. Sie kann die Gewinnvisibilität in ausgewählten Bereichen verbessern und den europäischen Aktienmarkt über klassische Zyklik hinaus interessanter machen.
Banken mit verbesserten Fundamentaldaten
Auch europäische Finanzwerte haben sich strukturell verändert. Nach Jahren niedriger oder negativer Zinsen haben viele Banken ihre Bilanzen gestärkt, Kosten gesenkt, Risiken reduziert und die Kapitalrückführung an Aktionäre verbessert. Mit der Normalisierung der Zinsen haben sich zudem die Ertragsbedingungen deutlich verbessert.
Bei europäischen Banken geht es daher nicht nur um eine Bewertungslücke gegenüber US-Wettbewerbern. Wichtiger sind die verbesserten Fundamentaldaten. Dazu zählen solidere Kapitalquoten, sinkende Problemkredite, bessere Governance und eine stärkere Ausschüttungsdisziplin. Der Bankensektor ist heute ein anderer als nach der europäischen Staatsschuldenkrise. Anleger sollten seinen Wert deshalb nicht ausschliesslich aus der Rückschau beurteilen.
Risiken bleiben dennoch bestehen. Eine wirtschaftliche Abschwächung kann zu höheren Kreditausfällen führen. Gleichzeitig erscheint die Kreditqualität nach mehreren Jahren niedriger Verluste widerstandsfähiger als in früheren Zyklen.
Selektivität entscheidet
Die wichtigste Schlussfolgerung lautet, dass europäische Aktien eine eigenständige Rolle in globalen Portfolios spielen können. Sie bieten Zugang zu internationalen Märkten, Innovation, strukturellen Investitionsthemen und Bewertungsunterstützung. Gleichzeitig ist der Markt stärker differenziert geworden. Europäische Aktien können Anlegern helfen, Renditequellen breiter zu diversifizieren. Entscheidend ist aber, Qualität zu identifizieren und nicht einfach den Markt als Ganzes zu kaufen. Gerade wenn sich die globale Aktienmarktführung über grosse US-Technologiewerte hinaus verbreitert, kann Europa für Anleger wieder stärker in den Fokus rücken.
Autor: Christophe Braun, Equity Investment Director bei Capital Group
Christophe Braun ist seit 2016 Equity Investment Director bei Capital Group. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Erfahrung in der Investmentbranche. Seine Karriere startete er als Investment Representative bei Swissquote Bank Europe und wechselte dann als Portfoliomanager und Anlageberater zu CBP Quilvest. Er hat einen Masterabschluss in Financial and Industrial Economics der Royal Holloway, University of London.
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