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Kritikpunkte 10.07.2026 22:44:00

ESG-Rating von SpaceX entfacht Debatte über Raumfahrt und Nachhaltigkeit

ESG-Rating von SpaceX entfacht Debatte über Raumfahrt und Nachhaltigkeit

Einen Tag vor dem Börsengang hatte MSCI SpaceX die schlechtmöglichste ESG-Bewertung gegeben. CEO Musk antwortete mit nur einem Satz - und traf einen wunden Punkt im Bewertungssystem.

• MSCI vergibt beim ESG-Rating ein CCC an SpaceX
• Gleiches Rating wie 2022 für Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine
• Musk reagierte auf X mit Spott

Das CCC-Rating: Was MSCI SpaceX vorwirft

Einen Tag vor dem SpaceX-Börsengang am 12. Juni 2026 stufte MSCI das Unternehmen beim ESG-Rating in die Kategorie CCC ein, wie die Financial Times zuerst berichtete. Auf der MSCI-Skala von AAA bis CCC ist das der niedrigste erreichbare Wert. Nach der Definition der Agentur gilt ein Unternehmen mit diesem Rating als "Laggard" - ein Nachzügler, der seiner Branche aufgrund hoher Risikoexposition und unzureichenden Risikomanagements hinterherhinkt.

Konkret listet MSCI drei Kritikpunkte auf: Emissionsrisiken aus dem Raketenbetrieb, mangelhaftes Nachhaltigkeitsmanagement und schwache Unternehmensführung. Im Governance-Bereich erzielte SpaceX laut Financial Times nur 3,2 von 10 möglichen Punkten. Die Kontroversen-Kategorie schloss SpaceX mit 1 von 10 Punkten ab, verbunden mit einem "Orange Flag", den MSCI laut Forbes dann vergibt, wenn ein Unternehmen direkt oder indirekt in laufende, ernste Kontroversen verwickelt ist - ein "Red Flag" mit Score 0 wäre die schlechteste Stufe.

Dass das ESG-Rating ausgerechnet einen Tag vor dem 75-Milliarden-Dollar-IPO veröffentlicht wurde, sorgte für zusätzliche Aufmerksamkeit. Frédéric Ducoulombier, Program Director am EDHEC-Klimaforschungsinstitut, erklärte jedoch gegenüber Bitget, das schwache Ergebnis in den Bereichen Kontroversen, Governance und Gesamtrating sei "für niemanden überraschend".

Musks Konter

Auf die Berichterstattung über das ESG-Rating reagierte Musk am 21. Juni 2026 auf X knapp mit dem Satz: "Leider sind elektrische Raketen unmöglich." Die Antwort war kurz, aber gezielt: Sie griff direkt den Emissionsvorwurf im ESG-Rating auf und verwies auf eine physikalische Grundbedingung der Raumfahrt, die im Bewertungssystem nicht abgebildet ist.

Es ist nicht das erste Mal, dass Musk ESG-Ratingagenturen öffentlich attackiert. Als die Indexkommission hinter dem S&P 500 Tesla im Mai 2022 aus ihrem ESG-Index strich, schrieb er auf X, ESG sei "Betrug" und werde von "unechten Sozialgerechtigkeits-Aktivisten" missbraucht. Im Fall SpaceX geht Musk einen anderen Weg: Statt das Konzept generell zu verwerfen, greift er einen technischen Widerspruch an.

Elektrische Antriebe in der Raumfahrt

Musks Aussage ist technisch nicht unzutreffend, aber erklärungsbedürftig. Elektrische Antriebe existieren in der Raumfahrt seit Jahrzehnten: Ionentriebwerke und Hall-Effekt-Triebwerke ionisieren Treibmittel - in der Regel Xenon oder Krypton - und beschleunigen es über elektrische Felder. Sie erreichen dabei einen spezifischen Impuls von rund 1'500 bis über 3'000 Sekunden, verglichen mit etwa 300 bis 450 Sekunden bei chemischen Raketen. SpaceX nutzt solche Systeme selbst: Die Starlink-Satelliten verwenden elektrische Antriebe für Bahnkorrekturen und Lageregulierung.

Der entscheidende Unterschied liegt im Startvorgang. Für den Aufstieg in den Orbit müssen Raketen einen Schub erzeugen, der ihre eigene Masse deutlich übersteigt - und das innerhalb von Sekunden, gegen Schwerkraft und atmosphärischen Widerstand. Chemische Raketen leisten das durch die Verbrennung dichter Treibstoffe mit hohem Massenausstoss. Elektrische Systeme stossen dagegen sehr geringe Massen bei extrem hoher Geschwindigkeit aus. Um damit vergleichbaren Schub zu erzeugen, wären Bordstromkapazitäten nötig, die mit heutiger oder absehbarer Technologie nicht realisierbar sind. Das ESG-Kriterium "Raketenemissionen" bewertet damit etwas, für das es derzeit keine technische Alternative gibt.

Was ESG-Systeme bei Hochschubindustrien übersehen

Der Fall SpaceX zeigt eine strukturelle Schwäche mancher ESG-Bewertungsmodelle: Sie vergleichen Unternehmen innerhalb einer Branche, können aber nicht abbilden, ob eine bestimmte Umweltbelastung physikalisch unvermeidbar ist. MSCI attestiert SpaceX, "hinter der Branche zurückzuliegen" - eine Formulierung, die sinnvoll ist, wenn Alternativen existieren, aber ins Leere läuft, wenn die Technologie selbst an physikalische Grenzen stösst.

Beim Governance-Vorwurf ist die Argumentation konkreter. Lucian Bebchuk von der Harvard Law School hatte bereits im Vorfeld des Börsengangs öffentlich kritisiert, die geplante Stimmrechtsstruktur gebe Musk durch "Super-Voting"-Aktien und eine dauerhafte Dual-Class-Struktur derart viel Kontrolle, dass dies zu "wertreduzierenden Ineffizienzen" führen und öffentliche Investoren benachteiligen könne. Dieser Vorwurf ist unabhängig von Raketenemissionen und deutlich substanzieller als der Emissionspunkt.

SpaceX-Antwort

Auf die Umweltkritik hat SpaceX faktisch bereits reagiert, noch bevor das Rating erschien. Einzelne Falcon-9-Booster wurden bis Juni 2026 bereits bis zu 35 Mal wiederverwendet, was den Herstellungsaufwand und die damit verbundenen Emissionen pro Kilogramm Nutzlast im Orbit erheblich senkt. Starship, das nächste Grosssystem, ist auf vollständige Wiederverwendbarkeit ausgelegt und verbrennt Methan statt Kerosin. Methan kann aus erneuerbaren Quellen synthetisch hergestellt werden, was zumindest theoretisch einen CO2-neutralen Treibstoffkreislauf ermöglicht.

Diese Entwicklungen fliessen in das aktuelle MSCI-Rating jedoch offenbar nicht ausreichend ein, was Teil der Kritik am Bewertungsverfahren ist. Ob und wie ESG-Rahmenwerke künftig zwischen physikalisch bedingten Emissionen und managementbedingten unterscheiden, bleibt offen.

Für Investoren, die nach ESG-Kriterien anlegen, stellt das Rating jedenfalls ein formales Signal dar, das SpaceX - unabhängig von Musks Reaktion - zunächst aus einschlägigen ESG-Indexfonds ausschliessen dürfte.

Paul Schütte, Redaktion finanzen.ch

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