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360° Finanzen 19.06.2026 11:08:34

China überrascht: Der Exportboom stellt das Krisennarrativ infrage

Kolumne

Der chinesische Immobilienmarkt belastet die Wirtschaft weiterhin, und auch die Konsumnachfrage entwickelt sich verhalten. Gleichzeitig haben sich die Anzeichen eines Aufschwungs verstärkt. Dank eines sehr starken Aussenhandels entwickelt sich die Exportwirtschaft zunehmend zu einem wichtigen Wachstumstreiber.

Seit dem Ende der Covid-Pandemie blieb die chinesische Konjunktur vergleichsweise schwach. Inländische Konsumentinnen und Konsumenten halten sich zurück, da ihre Aussichten auf Wohlstandsgewinne durchzogen sind. Gleichzeitig leidet der Wohnungsmarkt nach wie vor unter den Folgen früherer Übertreibungen. Entsprechend dominieren seit Jahren Berichte über die strukturellen Probleme der chinesischen Wirtschaft.

Die jüngsten Konjunkturdaten zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Nach mehreren Jahren schwachen Wachstums haben sich die Anzeichen eines Aufschwungs verstärkt. Besonders auffällig ist die Entwicklung im Aussenhandel. Dank eines sehr starken Exportgeschäfts sind die Industrieprofite zuletzt deutlich angestiegen. Während die Schwäche der Binnenwirtschaft häufig im Fokus steht, entwickelt sich die Exportwirtschaft zunehmend zum eigentlichen Konjunkturmotor.

Hohe Energiepreise spielen China in die Karten

Eine wichtige Rolle spielt dabei die veränderte globale Nachfrage. Wegen der hohen Ölpreise sind chinesische Elektroautos und Solarzellen sehr gefragt. China profitiert damit von Entwicklungen, die andere Volkswirtschaften teilweise belasten. Das ist bemerkenswert, denn China importiert rund 70 Prozent seines Öls und ist damit grundsätzlich anfällig für steigende Energiepreise. Tatsächlich hinterliess der jüngste Ölpreisschock auch in der chinesischen Binnenwirtschaft deutliche Spuren. Die Industrieaktivität schwächelte zuletzt und zahlreiche Segmente der Binnennachfrage gerieten unter Druck.

Gleichzeitig zeigt sich, wie stark sich die chinesische Wirtschaft in den vergangenen Jahren verändert hat. Während die Ölnachfrage zurückgeht, bleibt die Mobilität hoch. Dieses Jahr fuhren bereits 24 Prozent aller Fahrzeuge elektrisch, nachdem der Anteil ein Jahr zuvor noch bei 18 Prozent gelegen hatte. Jahrelange Investitionen in Elektromobilität und Schieneninfrastruktur federn einen Teil des Schocks ab.

Auch der Ausbau von Rechenzentren sorgt für positive Impulse. Elektrozulieferer profitieren vom Boom rund um künstliche Intelligenz und digitale Infrastruktur. Die steigende Nachfrage nach elektronischen Komponenten und Vorprodukten kommt zahlreichen chinesischen Unternehmen zugute, die in diesen Bereichen über eine starke Marktposition verfügen.

Die Ölkrise trifft China deshalb heute anders als noch vor zehn Jahren. Obwohl das Land weiterhin zu den grössten Energieimporteuren der Welt gehört, gelingt es exportorientierten Industrien zunehmend, von globalen Investitionszyklen und strukturellen Wachstumstrends zu profitieren.

Die alten Probleme bleiben bestehen

Die positiven Exportdaten rechtfertigen keine uneingeschränkt optimistische Sicht auf China. Der Immobilienmarkt leidet weiterhin unter Übertreibungen, die Jugendarbeitslosigkeit ist erhöht und ein grosser Stimulus seitens der Regierung ist derzeit nicht geplant. Die strukturellen Herausforderungen bleiben beträchtlich.

Zudem ist offen, ob die inländische Nachfrage in den kommenden Quartalen ebenfalls Fahrt aufnimmt. Die chinesische Wirtschaft bleibt damit vorerst stark auf die Dynamik einzelner Exportindustrien angewiesen. Gleichzeitig können geopolitische Spannungen und handelspolitische Massnahmen die Exportwirtschaft jederzeit belasten.

Die jüngsten Wirtschaftsdaten zeigen dennoch, dass sich die chinesische Wirtschaft zunehmend auf neue Wachstumsquellen stützt. Nicht mehr der Immobilienmarkt allein, sondern die internationale Wettbewerbsfähigkeit chinesischer Unternehmen prägt einen immer grösseren Teil der wirtschaftlichen Dynamik. Ob die inländische Nachfrage nun ebenfalls Fahrt aufnimmt, bleibt weiterhin offen.

Autor: Thomas Rühl, Leiter Research und Chief Investment Officer der Schwyzer Kantonalbank

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