21.04.2017 14:30:43

ideas Magazin - Das Übernahmekarussell dreht sich weiter

Gleich zu Jahresbeginn sorgte die Schweiz an den internationalen Kapitalmärkten mit einem Mega-Deal in der europäischen Pharmaindustrie für Aufsehen. Damit knüpft 2017 nahtlos an ein sehr bewegtes Übernahmejahr 2016 an. Experten gehen davon aus, dass Mergers & Acquisitions (M&A) auch in Zukunft auf der Tagesordnung stehen werden - den günstigen Finanzierungskonditionen und schwachen organischen Wachstumsaussichten sei Dank. Vor allem in den Branchen Pharma, Technologie und Industrie könnte es weiter heiss hergehen. Für Anleger sind dabei häufig attraktive Prämien drin.

Kaum zu glauben: Trotz eines makroökonomischen und geopolitischen Durcheinanders klettern die Kurse an den Aktienmärkten unbeeindruckt nach oben. Allerdings nehmen die Erwartungen der Investoren an die Gewinnsteigerungen der Unternehmen parallel zu. Eine gefährliche Mischung, denn Wachstum ist derzeit nicht ohne Weiteres möglich. Die Unsicherheiten bezüglich der Weltwirtschaft oder auch branchenspezifische Besonderheiten wie sich verändernde Gesundheitssysteme wirken bremsend. Die Lösung ist aber bereits gefunden: Wenn organisches Wachstum nur noch schwer möglich ist, sind Akquisitionen ein beliebtes Gegenmittel. Die Rahmenbedingungen dafür könnten kaum besser sein. Die Zinsen sind tief, die Kassen der Konzerne prall gefüllt.

Grafik 1: Globales M&A-Volumen

Die Milliarden fliessen

Das Beispiel Microsoft zeigt dies eindrucksvoll. Der Software-Konzern erschloss sich im vergangenen Jahr mit einem 22 Milliarden US-Dollar schweren Zukauf des Karrierenetzwerks LinkedIn ein neues Geschäftsfeld. Bezahlen konnte das Windows-Imperium den Preis quasi aus der Portokasse: Microsoft sitzt auf einem Cashbestand von 133 Milliarden US-Dollar. Damit ist noch genügend Geld für weitere Offerten vorhanden. Dass auch Transaktionen im dreistelligen Milliardenbereich möglich sind, zeigt der AT&T/Time Warner-Deal. Erstgenannter blätterte inklusive Schulden knapp 110 Milliarden US-Dollar für die Medienfirma hin und sorgte damit für die grösste Transaktion im vergangenen Jahr.

Nach Berechnungen des Datenspezialisten Dealogic erreichten die globalen Mergers & Acquisitions (M&A)-Aktivitäten 2016 eine stolze Summe von 3,84 Billionen US-Dollar. Dies bedeutet zwar einen Rückgang um 18 Prozent gegenüber dem Rekord aus 2015, das Volumen erreichte aber trotzdem den zweithöchsten Wert seit 2008. Und das neue Jahr startete fulminant. Vor allem US-Unternehmen wagten sich aus der Deckung. So sorgte der Gesundheitskonzern Johnson & Johnson mit der Übernahme der heimischen Actelion für einen Paukenschlag. Die Offerte im Wert von umgerechnet 30 Milliarden US-Dollar war die grösste seit 13 Jahren in der europäischen Pharmabranche und lag zudem 23 Prozent über dem letzten Börsenkurs. Leer ging dabei Sanofi aus, die ebenfalls an Actelion interessiert war. Der französische Pharmakonzern könnte aber schon bald an anderer Stelle zuschlagen.

»Gesunde« Übernahmen

Auch in den USA selbst geht es derzeit heiss her. Die Anzahl der Übernahme-Ankündigungen legte im Januar um 12,7 Prozent auf 1.086 Übernahmen im Vergleich zum Vormonat zu. Die bislang schwerste Transaktion hatte dabei ebenfalls Health Care-Charakter. Der Süsswarenriese Mars verstärkt seine Tiersparte Petcare mit dem Zukauf des Tierklinikbetreibers VCA für knapp 9 Milliarden US-Dollar. Das dürfte nicht der letzte Deal dieser Art gewesen sein. Die Unternehmensberatung EY geht von einer weiteren Konsolidierung in dem Sektor aus, denn das Umfeld für die Branche wird rauer. So haben sich beispielsweise die Erlösaussichten aufgrund des Preisdrucks bei älteren Produkten eingetrübt. Da neue Medikamente aber nicht über Nacht entwickelt werden können, holen sich die Konzerne innovative Wirkstoffe oder Therapien viel leichter über Zukäufe ins Portfolio.

Gerüchte machen sich diesbezüglich gerade um Basilea breit. Das Basler Biotech-Unternehmen konzentriert sich auf Medikamente zur Behandlung von resistenten Bakterien. Ein Gebiet, in dem sich der US-Pharmariese Pfizer verstärken möchte. »Wir werden weiterhin nach Lösungen suchen, die den Kampf gegen Mikroben unterstützen«, sagte erst kürzlich der Pfizer-Medizinchef Freda Lewis-Hall und heizte Spekulationen an. Als potenzieller Kandidat für die Amerikaner machte schnell Basilea die Runde. Die Aktie zog daraufhin zuletzt deutlich an.

Gefragte Technologie

Besonders hohe Übernahmeaktivitäten wurden zuletzt ebenso im Technologiesektor beobachtet. Diese Branche erzielte im vergangenen Jahr sogar das höchste Volumen. Laut Angaben des Datenspezialisten Dealogic wurden Transaktionen im Wert von 691,6 Milliarden US-Dollar abgewickelt. Das war bereits der zweite Rekordwert in Folge. Neben dem eingangs erwähnten Zukauf durch Microsoft kam es vor allem in der Chipindustrie zu auffällig vielen Übernahmen. Für den bisher grössten Merger in der Branche sorgte der US-Halbleiterhersteller Qualcomm mit dem Kauf des niederländischen Konkurrenten NXP. Die Fusion soll noch im laufenden Jahr endgültig vollzogen werden.

Dieser Mega-Deal bringt die Konkurrenz in Zugzwang. Beispiel Infineon: Der deutsche Chiphersteller konzentriert sich ähnlich wie NXP stark auf den boomenden Autosektor. Zwar wollten sich die Münchner kürzlich ebenfalls durch einen Zukauf stärken, allerdings scheiterte Infineon mit seinem Angebot an den US-Konzern Wolfspeed am Widerstand der US-Behörden. Infineon tritt aber nicht nur als Konsolidierer auf, die Deutschen gelten selbst auch als Übernahmeziel.

Günstig zu haben

Es werden aber nicht immer nur die »Perlen« aus dem Markt gepickt, Interessenten widmen sich auch gerne Unternehmen, bei denen es operativ nicht so gut läuft. Diese sind nämlich dann zu einem deutlich niedrigeren Preis zu haben. So wird der Kurznachrichtendienst Twitter bereits seit längerem als Übernahmekandidat gehandelt. Mit dem US-Unternehmen, das 2013 an die Börse kam und - anders als beispielsweise Konkurrent Facebook - keine nachhaltige Erfolgsgeschichte schreiben konnte, geht es seit Mitte 2015 überwiegend bergab. Am Peak war Twitter mit mehr als 50 Milliarden US-Dollar bewertet, heute sind es gerade Mal noch 11. Der Grund: rückläufige Nutzerzahlen und ein Wachstum, welches regelmässig hinter den Erwartungen zurückbleibt. Interesse an dem Konzern wurden bereits dem Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer sowie dem US-Unternehmen Salesforce nachgesagt, der Funke sprang bis jetzt aber noch nicht über.

Turnaround-Kandidaten werden auch hierzulande gesucht. Die Technologiefirma Ascom oder auch der Backwarenhersteller Aryzta sind zwei Beispiele, die über kurz oder lang ins Visier von ausländischen Käufer geraten könnten. Starke Gewinnrückgänge respektive rote Zahlen dominieren die Bilanzen der beiden Konzerne. Dass operativ schwache Unternehmen tatsächlich ausländische Investoren anziehen, hat die chinesische Privatfirma HNA im vergangenen Jahr bestätigt. Das Unternehmen legte Mitte April 53 Schweizer Franken pro Aktie für die ehemalige Swissair-Tochter Gategroup auf den Tisch. Die 1,4 Milliarden Schweizer Franken schwere Offerte bedeutete für die Aktionäre einen satten Aufschlag von rund einem Fünftel.

Die Chinesen kamen aber nicht nur bei Gategroup zum Zug: Insgesamt wechselten in Bezug auf den Grossaktionär elf Unternehmen im Jahr 2016 von der Schweiz ins Reich der Mitte. Damit belegt die Alpenregion im europäischen Vergleich zwar bei der Anzahl der Transaktionen »nur« den sechsten Rang. Von den knapp 86 Milliarden US-Dollar, die in ganz Europa investiert wurden - dies entspricht nahezu einer Verdreifachung im Vergleich zum Vorjahr -, flossen allerdings mehr als die Hälfte in die Schweiz. Der Grund hierfür: Die Mega-Übernahme von Syngenta durch Chemchina. Dies war die bislang grösste chinesische Akquisition im Ausland überhaupt und brachte rund 44 Milliarden US-Dollar auf die Waage.

Die Beratungsfirma EY geht auch weiterhin von einer regen Transaktionstätigkeit mit chinesischer Beteiligung aus. Neben Unternehmen, die derzeit im Besitz von Finanzinvestoren sind, könnten ihrer Ansicht nach auch Teilbereiche von Grosskonzernen ins Visier geraten. Allerdings dürfte dies für die »Jäger« weltweit gelten und sich nicht nur auf Peking beschränken.

Grafik 2: M&A-Volumen - Top-5-Sektoren 2016

Grafik 3: Top-10-M&A-Volumen 2016 nach Regionen

Anlageidee: Warrants und Zertifikate auf M&A-Kandidaten


Bildquelle: Commerzbank, Commerzbank, Commerzbank, Commerzbank
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