Euro am Sonntag-Mailbox 25.05.2017 06:28:59

Lehman Brothers: Warum die Zertifikate der Pleitebank nicht wertlos sind

Lehman Brothers: Warum die Zertifikate der Pleitebank nicht wertlos sind

von Brigitte Watermann, €uro am Sonntag

Die Pleite der US-Investment Bank Lehman Brothers löste im Oktober 2008 eine weltweite Finanzkrise aus. In Deutschland traf es zigtausende Kleinsparer. Ihnen waren die Zertifikate der US-Bank als sicher wie Festgeld, aber rentabler verkauft worden. Durch die Lehman-Pleite waren sie praktisch wertlos. Viele Kreditinstitute, allen voran Hamburger Sparkasse, Frankfurter Sparkasse, Sparkasse Hannover, Dresdner Bank (heute Commerzbank) und Citibank (heute Targobank), die besonders viele Lehman-Zertifikate unter die Leute gebracht hatten, bemühten sich kurz nach der Pleite auf Druck der massiven öffentlichen Proteste um Kulanzlösungen. Doch die fielen sehr unterschiedlich aus. Teilweise liessen sich die Banken die Zertifikate nämlich zurückübertragen. Nun zeigt sich, dass es bisweilen sinnvoller gewesen wäre, die scheinbar wertlosen Papiere zu behalten. Wie können Lehman-Geschädigte, die ihre Zertifikate noch immer besitzen, profitieren?


€uro am Sonntag: So paradox es klingt: Mit etwas Glück liegt man mit Lehman-Papieren womöglich sogar in der Gewinnzone. Im Jahr 9 nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers Holding Inc. (LBH) und ihrer niederländischen Tochter Lehman Brothers Treasury (LBT) bekommen Anleger, welche die Papiere noch halten, immer wieder Geld aus dem Insolvenzverfahren. Wie die für die LBT zuständigen Liquidatoren von der Kanzlei Houthoff Buruma in den Niederlanden mitteilen, wurden allein auf die 59 Emissionen mit deutscher Wertpapierkennnummer in bisher neun Tranchen bereits über 350 Millionen US-­Dollar ausgeschüttet. "Die zehnte Zahlung folgt nun im Mai 2017", erläutert Niels Huurdeman von Hout­hoff Buruma.

Wie viel Geld ist bereits insgesamt an die Anleger zurückgeflossen?
Auf alle fast 3800 zum Insolvenztermin ausstehenden LBT-Emissionen beliefen sich die Auszahlungen bislang zusammengenommen bereits auf mehr als elf Milliarden US-Dollar. Die Auszahlungsquote - noch ohne die Garantiezahlungen der Konzernmutter in Amerika - betrage damit schon jetzt mehr als 33 Prozent des jeweiligen vom Insolvenzverwalter festgestellten Werts der Papiere zum Insolvenztermin. "Und es geht noch eine Weile weiter", bekräftigt Anwalt Huurdeman. Die Gesamtforderung der niederländischen Liquidatoren in den USA belaufe sich auf rund 34 Milliarden US Dollar und die Liquidation der LBH ist noch nicht abgeschlossen. Entscheidungen der US-Gerichte zeigen, dass das US-Insolvenzverfahren noch drei Jahre lang weiterlaufen kann.

Wer ist begünstigt?
Zunächst muss man die Zertifikate noch immer im Depot haben, dann musste man im Fall der Lehman Brothers Holding Inc. seine Forderungen bereits im US-Insolvenzverfahren angemeldet haben und schliesslich eine angemessene Entschädigung von seiner Bank, die einem die Papiere als ­sichere Geldanlage angedreht hatte, erhalten haben. Doch der Reihe nach: Auszahlungen aus dem niederländischen Insolvenzverfahren fliessen zumindest ­automatisch an die Halter der LBT-Zertifikate. "Wenn man aus beiden Töpfen etwas bekommt, ist es möglich, dass man bislang schon Zahlungen im Wert von mehr als 50 Prozent bekommen hat", erläutert Anwalt Huurdeman. "Das US-Verfahren ist zwar eine völlige Blackbox, man erfährt von dort nahezu nichts, aber bislang läuft das wirtschaftlich recht erfolgreich", meint auch Matthias Schröder von LSS Rechtsanwälte in Frankfurt. Das macht die dritte Bedingung besonders wichtig: eine gute Entschädigung von der eigenen Bank. "Passabel aus heutiger Sicht war eine Entschädigung von mindestens 50 Prozent oder besser noch mehr", so Anwalt Schröder. Dann komme man ­sogar mit einem Plus aus der Affäre. Schröders Rat an alle Geschädigten: "Papiere weiterbehalten und sich darüber freuen, was da noch kommt."

Was können Anleger tun, die ihre Zertifikate ­verkauft haben?
Wer seine Lehman-Zertifikate seiner Bank zurückgegeben hat, ist leider chancenlos, denn die Abfindungsangebote der Banken und Sparkassen sind juristisch meist wasserdicht, eine Rückabwicklung der Abfindung ist im Regelfall nicht möglich. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Abfindung einigermassen akzeptabel war.

Weitere Links:


Bildquelle: Mario Tama/Getty Images

Finanzen.net News

pagehit