29.01.2018 16:42:46

Haircut für Griechenland: Fratzscher wirft Schäuble Täuschung vor

Von Stefan Lange

BERLIN (Dow Jones)--DIW-Präsident Marcel Fratzscher hat dem damaligen Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble eine bewusste Wähler-Täuschung beim Thema Schuldenschnitt für Griechenland vorgeworfen. Seines Erachtens habe es vor der Bundestagswahl den Deal zwischen Schäuble und den anderen Geldgebern gegeben, dass man einen Schuldenschnitt nicht bespreche, weil dies zu viele Stimmen kosten würde, sagte Fratzscher im Interview mit Jung und Naiv. Dabei sei klar, dass es 2018 einen Schuldenschnitt geben werde, sagte Fratzscher.

"Den wird man nicht so nennen, denn das Versprechen war: Es gibt keinen Schuldenschnitt", sagte Fratzscher. Man werde von einer Umstrukturierung sprechen, vielleicht die Zinsen senken oder längere Laufzeiten vereinbaren. Das sei aber mehr oder weniger dasselbe wie ein Schuldenschnitt.

Wer investiert schon in einem überschuldeten Land?

Der Internationale Währungsfonds habe im vergangenen Jahr erklärt, dass es ja wohl völlig klar sei, dass die Griechen nie ihre Schulden zurückzahlen könnten, erinnerte Fratzscher. Allen sei doch klar, dass ein Schuldenschnitt für Griechenland unvermeidlich sei. Das Land müsse ja auch mal wieder in den Genuss privater Investitionen kommen. "Und wer investiert schon in einem Land, das so überschuldet ist."

Die Bundesregierung habe ihren Bürgern zwar immer versprochen, dass es keinen Schuldenschnitt geben werde, sagte Fratzscher. Man könne da auch drauf bestehen, "nur dann kriegste gar nix zurück irgendwann". Und es sei doch besser, den Griechen jetzt einen kleinen Schuldenerlass zu geben, "damit sie wieder auf einen grünen Zweig kommen, die Wirtschaft wieder wachsen kann, damit sie den Rest ihrer Schulden bedienen können."

Fratzscher zeigte gleichzeitig Sympathien für den ehemaligen Finanzminister und amtierenden Bundestagspräsidenten. "Ich mag Herrn Schäuble. Ich glaube, er hat die richtigen Intentionen", sagte der DIW-Chef. Allerdings mache auch Schäuble, wie jeder, mal einen Fehler. Die Forderung Schäubles, Griechenland aus dem Euro zu werfen, sei ein solcher Fehler gewesen.

Das komplette, zweistündige Interview mit Fratzscher ist im Internet bei "jungundnaiv.de" zu finden.

Kontakt zum Autor: stefan.lange@wsj.com

DJG/stl/smh

(END) Dow Jones Newswires

January 29, 2018 10:43 ET (15:43 GMT)

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